In der letzten Predigt habe ich eine lockere Reihe über unsere Identität in Christus begonnen. Es ging inhaltlich um eine der absoluten Grundaussagen der Bibel über unsere Erlösung: Wir sind die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt.

Er hat den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes würden. (2.Korinther 5,21 nach der Einheitsübersetzung)

Die neue Identität ist deshalb schwer zu verstehen, weil sie unser Denken auf den Kopf stellt. In Philosophie, Theologie, Pädagogik, Jura und Psychologie gibt es die Debatte, was der Mensch ist. Ist er das, was er tut oder das, was er ist? Meistens tendieren wir mehr dazu ihn als das zu beschreiben, was er tut. Das ist auch viel einfacher, denn man kann das benutzen, was vor Augen ist um sich ein Bild von jemandem zu machen. Gott sieht aber tiefer, auf das, was wir wirklich sind – und wir sollten lernen, seinem Blick zu folgen.
Bevor ich die Tatsache, dass unser eigentliches Ich unsere Identität in Christus ist, mit einigen Bibelstellen untermauere, will ich mit einem einfachen Bild einsteigen. Ich hoffe, dass es mehr sagt als tausend Stellen.
Eine meiner Lieblings-CDs ist „a kind of blue“. Die CD ist sehr chillig und die meisten, die mal bei mir waren werden sie schon einmal gehört haben, weil sie gut im Hintergrund laufen kann. Über viele Jahre hinweg war sie das meistverkaufteste Jazz-Album überhaupt. Die CD ist von Miles Davies, der als Jazztrompeter bis heute eine Legende ist. Miles Davies wollte ursprünglich nicht unbedingt Jazz machen. Das Problem war nur, dass es nach seinem Studium keine Orchester in den USA gab, die schwarze Musiker einstellten. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als nach Paris zu gehen, Heroin süchtig zu werden und den Jazz neu zu erfinden.
Der Punkt ist, dass seine Identität als Schwarzer negativ über das gestellt wurde, was er tat, nämlich verdammt gut Trompete zu spielen. Was er war wog mehr als was er tat.
Heute würde das jeder als himmelschreiende Ungerechtigkeit empfinden, aber damals war die Welt noch viel rassistischer als heute und es war erschreckende Normalität. Im Positiven ist es genau das, was Gott nach unserer Wiedergeburt tut. Er definiert uns nicht nach dem was wir tun sondern nach dem, was wir sind. Auch wenn wir sündigen sind wir noch die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt und er hört nicht auf gut von uns zu denken. Du sagst vielleicht: „Ich bin ein Zocker!“, aber Gott sagt: „Du bist Gerechtigkeit!“ Nach unseren Maßstäben ist das ungerecht, aber es ist der einzige Weg in den Himmel. Wenn Deine Taten Dich vor Gott gerecht machen müssten hättest Du keine Chance – niemand von uns. Wir könnten vielleicht versuchen, der beste Sünder in der Hölle zu sein, aber für den Himmel reicht es nicht – dafür muss der Wechsel der Identität erfolgt sein.

Jeder, der von Gott stammt, tut keine Sünde, weil Gottes Same in ihm bleibt. Er kann nicht sündigen, weil er von Gott stammt. (1.Johannes 3,9 nach der Einheitsübersetzung)

Mach mal das Experiment und sag: „Ich kann nicht sündigen!“ Es ist ganz schön schwer, das zu sagen. Wir sind so darauf trainiert zu denken, dass wir Sünder sind, dass es uns schwer fällt zu glauben, dass es einen Teil von uns gibt, der nicht sündigen kann. Es regt sich auch schnell der Widerspruch dass wir denken: „Moment, ich zeige Dir gleich, dass ich sehr wohl noch sündigen kann. Das wäre ja wohl gelacht.“ Natürlich kann Dein Körper sündigen und auch Deine Seele. Das wusste auch Johannes und hat auch darüber in seinem Brief geschrieben.
Hier geht es offenbar nicht um den ganzen Menschen nach Körper, Seele und Geist, denn jeder von uns weiß, dass wir sündigen können. Aber ein Teil von uns, der neugeschaffene Teil, kann tatsächlich nicht sündigen und das ist der Teil, der für Gott entscheidender ist als jeder andere.

Die neue Schöpfung

Die beiden folgenden Stellen werde ich in umgekehrter Reihenfolge behandeln und lese sie auch in zwei Übersetzungen vor von denen die eine verständlicher und die andere genauer ist:

Also schätzen wir von jetzt an niemand mehr nur nach menschlichen Maßstäben ein; auch wenn wir früher Christus nach menschlichen Maßstäben eingeschätzt haben, jetzt schätzen wir ihn nicht mehr so ein. 17 Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden. (2.Korinther 5,16-17 nach der Einheitsübersetzung)

Daher kennen wir von nun an niemand nach dem Fleisch; wenn wir Christus auch nach dem Fleisch gekannt haben, so kennen wir ihn doch jetzt nicht mehr so. 17 Daher, wenn jemand in Christus ist, so ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. (2.Korinther 5,16-17 nach der Elberfelder)

Hinten angefangen: Wenn jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung. Welchen Teil von uns kann das meinen? Wovon spricht Paulus wenn er uns eine neue Schöpfung nennt? Unser Körper kann es eigentlich nicht sein. Wenn jemand vor seiner Bekehrung krank war, ist er das meistens auch noch nachher, es sei denn, Gott tut ein Wunder. Wenn jemand vor der Bekehrung klug war, dann auch nachher. Paulus spricht von unseren sterblichen Leibern, da ist also keine große Veränderung zu erwarten. Es wäre auch zu einfach, wenn man Christen an ihrem Äußeren erkennen könnte. Der Körper ist es nicht.
Ist es die Seele? Nein, denn mit der Bekehrung beginnt der Prozess des Umdenkens. Wir erneuern unser Denken und Fühlen an Gottes Wort. Das ist es, was wir gerade eben tun. Die Seele muss die Realität Gottes erst einmal lernen und oft fällt ihr das keineswegs leicht.
Der einzige Teil von dem Paulus hier reden kann ist unser Geist. Derselbe Teil von dem auch Johannes geredet hat. Unser innerster Wesenskern ist das, was Gott neu geschaffen hat.

In Vers 16 benutzt Paulus ein schwieriges Wort: Fleisch. Ich habe deswegen extra noch die Einheitsübersetzung dazu genommen, die als „menschliche Maßstäbe“ interpretiert. Wir beurteilen Christus nicht mehr nach menschlichen Maßstäben, d.h. wir interessieren uns nicht für Äußerlichkeiten Jesu sondern für das, was er wirklich ist. Es gibt immer wieder mal Versuche herauszufinden, wie Jesus wirklich aussah. Man scannt z.B. das Turiner Grabtuch und versucht daraus die menschliche Gestalt Jesu abzuleiten. Sicherlich wäre es interessant zu wissen, wie er ausgesehen hat, aber im Grunde ist das nicht wichtig. Es ist ein nice-to-have, aber sicher kein must-have. Äußerlichkeiten sind nicht entscheidend. Das geht noch tiefer. Man kann Mel Gibsons Passion Christi sehen und das echte verpassen. Wenn man nur den leidenden Jesus sieht, hat man menschlichen Schmerz gesehen, aber keine Erlösung. Man kann auf Jesus schauen, ohne Christus zu sehen – vielen geht das so und Jesus wird zum Motiv der Künste, aber nicht zum Erlöser des Menschen.
Christus nicht nach dem Fleisch zu sehen bedeutet ihn als den zu sehen, der er heute ist: Der auferstandene und wiederkehrende König.
Ebenso wie wir Jesus sehen können ohne Christus zu erkennen, können wir Menschen sehen und das Wesentliche bleibt uns verborgen. Wir können Menschen als das sehen was sie tun und wie sie wirken. Oder wir können auf das schauen, was Jesus in ihnen getan hat. Am einfachsten ist es natürlich, mit sich selbst zu beginnen und sich selbst nicht mehr nach menschlichen Maßstäben einzuschätzen sondern sich im Licht der Erlösung zu sehen. Das geht nicht immer leicht und man muss es lernen, sich zu sehen wie man ist, aber es lohnt sich.
Die einzige Quelle dieses Wissens ist Gottes Wort. Man kann seinen Geist nicht anfassen oder sich auf Gefühle verlassen. Wer Gottes Liebe oder Annahme spüren muss macht sich von einer höchst unzuverlässigen Quelle abhängig. Aus Glauben zu leben bedeutet sich selbst im Licht der Erlösung zu kennen und gemäß dieser Erkenntnis zu leben.

Der Weg zur eigenen Identität

Römer 12,2 zeigt uns, wie man es anstellt, sich mehr über seine Erlösung und die wahre Identität zu definieren:

Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: was ihm gefällt, was gut und vollkommen ist. (Römer 12,2 nach der Einheitsübersetzung)

„Angleichen“ ist das griechische Wort syschämatizo, darin klingt das deutsche Lehnwort „Schema“ an. Ein Schema ist ein Muster, interessanterweise im Griechischen immer ein äußeres Muster, niemals etwas gedachtes. Wir können uns also nach dem äußeren Muster verhalten, das uns die Welt zeigt. Wir werden das sogar automatisch tun, wenn wir nicht eine gewisse Kraft in Gegenmaßnahmen investieren. Die einzige Möglichkeit etwas gegen diese Weltlichkeit zu tun, ist sein Denken zu erneuern.
Wir sind von kindauf weltlicher Prägung ausgesetzt und leider trägt Religion ein Übriges dazu bei, diese Prägung zu vertiefen. Wir denken einfach nicht wie Gott und müssen Mühe investieren, unser Denken zu verändern. Diese Veränderung geschieht an Gottes Wort und ich empfehle dazu einfach mal ganz unbescheiden mein „Wortbuch“, das sich sehr viel gerade mit Römer 12,2 beschäftigt.

Die Bibel gibt uns einige sehr praktische Tipps, wie man sein Denken verändern kann. Mit einem möchte ich schließen. Er stammt aus dem Philemonbrief. Es ist einer der Privatbriefe des Paulus in dem er um Gnade für einen entlaufenen Sklaven bittet. Eigentlich kein Lehrbrief und er enthält auch nur wenig Theologie, aber Paulus wäre nicht der Apostel gewesen der er war, wenn er die Gelegenheit hätte verstreichen lassen, Philemon etwas theologische Lebensweisheit mitzugeben.

4 Ich danke meinem Gott, indem ich allezeit deiner in meinen Gebeten gedenke,
5 da ich von deiner Liebe und von dem Glauben höre, den du an den Herrn Jesus und allen Heiligen gegenüber hast,
6 daß die Gemeinschaft deines Glaubens wirksam werde in der Erkenntnis alles Guten, das in uns im Hinblick auf Christus ist.
7 Denn ich hatte viel Freude und Trost wegen deiner Liebe, weil die Herzen der Heiligen durch dich, Bruder, erquickt worden sind. (4-7 nach der Elberfelder)

Gemeinschaft ist ein Wort, das man erklären muss. Wenn wir im Deutschen von Gemeinschaft sprechen meinen wir oft etwas in der Richtung von „miteinander rumhängen“ oder zusammen Zeit verbringen. Das griechische koinonia geht dagegen viel mehr in Richtung Teilhabe. Wer Gemeinschaft hat, hat Teil an etwas, er bekommt etwas. Im Deutschen ist das im Begriff der Gemeinde, gerade in der politischen Dimension des Begriffes, enthalten. Eine Gemeinde, z.B. eine Stadt, teilt ihre Ressourcen, man gehört dazu in dem man sich einbringt; es ist im Idealfall ein Geben und Nehmen. Es geht also um die Teilhabe am Glauben.
Diese Teilhabe am Glauben wird wirksam in der Erkenntnis des Guten, das uns durch Jesus ist. Glaube wächst also dort, wo man sich um das kümmert und dreht, was Christus in uns getan hat. Das effektivste was wir tun können um unseren Glauben zu stärken und die Beziehung mit Jesus zu vertiefen ist, uns mit dem Guten auseinanderzusetzen, das er für uns getan hat. Mit anderen Worten: Dass wir darüber nachdenken, beten, lesen meditieren, was Christus am Kreuz für uns erwirkt hat.
Die Herausforderung ist es, dass wir unseren Blick von Jesus weg drehen und auf das schauen, was um uns herum passiert. Wer das tut geht leicht in den Wellen unter wie Petrus. Sein Fehler war es aus dem Boot auszusteigen, zu beginnen im Glauben zu laufen – und dann auf die Wellen zu schauen. Auf einmal wurde seine äußere Realität größer als seine innere.
Christliche Gemeinschaft kann etwas total Runterziehendes sein wenn sie nicht in dem Geist von Philemon 6 geschieht. Wenn man Teil hat am Problem und nicht an der Lösung. Wenn man sich mit Sünde beschäftigt statt mit Erlösung. Wenn man auf das Versagen schaut statt auf das Überwinden. Seine Identität kennen zu lernen bedeutet, konsequent den Blick auf die innere Wirklichkeit zu richten, an dem festzuhalten, was Christus getan hat. Glaube wird dann effektiv wen man an der Erlösung festhält und sich mit ihr auseinanadersetzt. Wo man nicht in den Chor der Welt einstimmt und annimmt, nicht geliebt, gerecht und geisterfüllt zu sein sondern gerade dann an der Wahrheit des Wortes festhält und Gott die bedeutsamste Quelle der Identität sein lässt, die man hat.

 

Es gibt Situationen im Leben in denen man wissen muss, was wichtig ist. Daraus kann man nicht den Umkehrschluss ziehen, dass es in manchen Situationen egal ist, aber in den schwierigen Zeiten ist es lebensnotwendig zu wissen, um was man sich dreht, mit was man sich beschäftigt und was einen ausmacht. Wer es dann nicht weiß steht in der Gefahr, sich selbst zu verlieren oder Schlimmeres. Sprüche 4,23 sagt:

Mehr als alles hüte dein Herz; denn von ihm geht das Leben aus.

Das Herz ist unser Innerstes und wenn es vergiftet ist oder Schaden nimmt, dann ist das Leben vergiftet, das aus ihm hervorgeht. Man kann vieles ertragen, aber wenn das innerste Selbst in Mitleidenschaft gezogen wird, ist das eine sehr gefährliche Sache.
Deshalb rät Gottes Wort uns eindringlich, genau das nicht geschehen zu lassen. Bei allem worauf wir sonst noch achten und was wir behüten sollten: Unsere Familie, Gemeinde, Eigentum, Integrität, ist das Herz das Wichtigste, wenn unser Innerstes stimmt, ist alles andere leicht zu reparieren, hat unser Innerstes Schaden genommen, sind die äußeren Dinge egal.
Auf das Herz achtet man in jeder Situation. In den guten Zeiten ist die Gefahr, dass man sich überhebt, eitel und hochmütig wird. Viele kommen mit ihren guten Zeiten nicht klar. Die harten Zeiten sind aber für jeden gefährlich, denn in diesen Zeiten öffnen wir  uns für Zweifel an uns selbst und an Gott. Gerade in Zeiten äußerer Unruhe ist es deshalb wichtig, das Herz zu hüten und darauf aufzupassen.
Die Bibel gibt uns einige sehr praktische Tipps, wie man das tun kann. Ich kann nur ein paar herausgreifen und hoffen, dass die Liste nicht zu unvollständig wird. Beginnen wir mit dem Philemonbrief. Es ist einer der Privatbriefe des Paulus in dem er um Gnade für einen entlaufenen Sklaven bittet. Eigentlich kein Lehrbrief und er enthält auch nur wenig Theologie, aber Paulus wäre nicht der Apostel gewesen der er war, wenn er die Gelegenheit hätte verstreichen lassen, Philemon etwas theologische Lebensweisheit mitzugeben.

 4 Ich danke meinem Gott, indem ich allezeit deiner in meinen Gebeten gedenke,
 5 da ich von deiner Liebe und von dem Glauben höre, den du an den Herrn Jesus und allen Heiligen gegenüber hast,
 6 daß die Gemeinschaft deines Glaubens wirksam werde in der Erkenntnis alles Guten, das in uns im Hinblick auf Christus ist.
 7 Denn ich hatte viel Freude und Trost wegen deiner Liebe, weil die Herzen der Heiligen durch dich, Bruder, erquickt worden sind. (4-7 nach der Elberfelder)

Gemeinschaft ist ein Wort, das man erklären muss. Wenn wir im Deutschen von Gemeinschaft sprechen meinen wir oft etwas in der Richtung von „miteinander rumhängen“ oder zusammen Zeit verbringen. Das griechische koinonia geht dagegen viel mehr in Richtung Teilhabe. Wer Gemeinschaft hat, hat Teil an etwas, er bekommt etwas. Im Deutschen ist das im Begriff der Gemeinde, gerade in der politischen Dimension des Begriffes, enthalten. Eine Gemeinde, z.B. eine Stadt, teilt ihre Ressourcen, man gehört dazu in dem man sich einbringt; es ist im Idealfall ein Geben und Nehmen.
Diese Teilhabe am Glauben wird wirksam in der Erkenntnis des Guten, dass uns durch Jesus ist. Glaube wächst also dort, wo man sich um das kümmert und dreht, was Christus in uns getan hat. Das effektivste was wir tun können um unseren Glauben zu stärken und die Beziehung mit Jesus zu vertiefen ist, uns mit dem Guten auseinanderzusetzen, das er für uns getan hat. Mit anderen Worten: Dass wir darüber nachdenken, beten, lesen meditieren, was Christus am Kreuz für uns erwirkt hat.
Die Herausforderung schwieriger Zeiten ist es, dass wir unseren Blick von Jesus weg drehen und auf das schauen, was um uns herum passiert. Wer das tut geht leicht in den Wellen unter wie Petrus. Sein Fehler war es aus dem Boot auszusteigen, zu beginnen im Glauben zu laufen – und dann auf die Wellen zu schauen. Auf einmal wurde seine äußere Realität größer als seine innere.
Christliche Gemeinschaft kann etwas total Runterziehendes sein wenn sie nicht in dem Geist von Philemon 6 geschieht. Wenn man Teil hat am Problem und nicht an der Lösung. Wenn man sich mit Sünde beschäftigt statt mit Erlösung. Wenn man auf das Versagen schaut statt auf das Überwinden. Sein Herz zu bewahren bedeutet konsequent den Blick auf die innere Wirklichkeit zu richten, sich nicht von äußeren Widrigkeiten den Glauben rauben zu lassen sondern an dem festzuhalten, was Christus getan hat. Das kann manchmal laut und heftig sein. Wir sind alle darauf trainiert unsere Fehler zu sehen und dem, was wir tun mehr Gewicht zu geben als dem, was wir in Jesus sind. Aber Glaube wird da effektiv wo man an der Erlösung festhält wenn es haarig wird. Wo man nicht in den Chor der Welt einstimmt und annimmt, nicht geliebt, gerecht und geisterfüllt zu sein sondern gerade dann an der Wahrheit des Wortes festhält und Gott die bedeutsamste Quelle der Identität sein lässt, die man hat.

In dem allen klingt ein theologisches Konzept an, das ich sehr lange nicht verstanden habe obwohl ich wusste, dass es richtig ist. Was bedeutet es eigentlich, „auf Jesus zu sehen“?

Es waren aber etliche Griechen unter denen, die hinaufkamen, auf daß sie auf dem Feste anbeteten.
21 Diese nun kamen zu Philippus, dem von Bethsaida in Galiläa, und baten ihn und sagten: Herr, wir möchten Jesum sehen. (Johannes 12,20-21 nach der alten Elberfelder)

Es ist nicht nur der Traum eines jeden Evangelisten, dass Menschen zu ihm kommen und sagen: „Zeig uns Jesus!“ Es ist auch seit Jahren mein Gebet – und das vieler anderer – dass ich Jesus sehen will.
Am Tag seines Todes stand der Vers in Hermann Zaiss’ Kalender. Kurz nachdem er die Zeile notiert hatte, verunglückte der große Solinger Heilungsevangelist auf dem Weg zu einem Predigttermin und starb. Allein das macht diesen Vers für mich schon unvergesslich. Ich habe mich lange mit Hermann Zaiss beschäftigt und werde immer an ihn denken, wenn ich Johannes 12 lese. Es gibt dem schlichten Wunsch, Jesus zu sehen, eine ganz andere Bedeutung.
Früher hatte ich mir das nicht so vorgestellt. Ich habe nicht jedes Mal, wenn ich gebetet habe, Jesus zu sehen, für meinen Tod gebetet. Dennoch hat das etwas Tröstliches: Ich werde Jesus sehen – von Angesicht zu Angesicht. Das ist genauso sicher wie mein körperlicher Tod. 1998 wurde Karla Faye Tucker als zweifache Mörderin zum Tode verurteilt. Im Gefängnis war sie Christin geworden. Kurz vor ihrer Hinrichtung soll sie gesagt haben: „Ich werde Jesus sehen.“ So betrachtet wird dieses Gebet also definitiv erhört. Wir werden Jesus sehen.
Ich hätte früher dabei nie an Tod gedacht, ebenso wenig wie die Griechen, die darum baten, Jesus zu sehen. Sie wollten ihn damals einfach anschauen. Heute ist das mit den natürlichen Augen nicht mehr möglich. Jesus ist gestorben und auferstanden und sitzt nun zur Rechten des Vaters im Himmel. Wir können ihn nicht mit den Augen sehen, aber wir können ihn im Geist sehen.
Ich stellte mir darunter immer eine bahnbrechende Erfahrung vor. Etwas Außergewöhnliches, eine Vision von Jesus. Die Mystiker aller Zeitalter haben atemberaubende Dinge erlebt. Sie haben Dinge gesehen und Erfahrungen mit Gott gemacht, die man schwer beschreiben kann. Manche wirkten geradezu verrückt durch ihre Visionen. So etwas habe ich noch nie erlebt, aber ich wollte es immer gerne. Am liebsten eine Vision mit offenen Augen. Noch lieber eine, mit der man auch sprechen kann, eine interaktive Vision.
Heute stelle ich es mir wieder anders vor, wie Gott das kleine Gebet um Erkenntnis Jesu erhören kann. Ich habe nichts gegen Visionen. Ebenso wenig gegen andere mystische oder charismatische Erlebnisse. In der Regel bete ich aber nicht mehr dafür. Das liegt nicht daran, dass ich es unwichtig finde, Gott auf diese Weise zu erleben, sondern daran, dass es mir wichtiger ist, ihn im Leben anderer zu sehen, als in meinem eigenen.
Die Sehnsucht nach individueller Gotteserfahrung kann leicht eigennützig werden. Man kommt schnell dahin, dass sich das geistliche Leben um ein eigenes subjektives Erleben der Gegenwart Gottes dreht. Auch an diesem Punkt war ich schon und musste schmerzlich lernen, dass sich nicht alles darum dreht, dass ich Gott spüre, umfalle, Engel sehe oder Eindrücke habe.
Wenn ich heute bete, Jesus zu sehen, meine ich, dass ich ihn im Leben anderer Menschen wirken sehen möchte. Ich liebe es, Jesus bei der Arbeit zuzusehen und mitzubekommen, wie Gottes Reich sich unter den Menschen ausbreitet. Es ist einfach toll, zu sehen, wenn Menschen geheilt oder durch ein prophetisches Wort angesprochen werden.

Wir sehen Jesus in seinem Wirken. Wer sich mit dem auseinander setzt, was Jesus getan hat, der sieht Jesus. Sein Innerstes zu bewahren bedeutet somit, es in dem fest zu machen, was Jesus getan hat. Das ist die alleinige Quelle unserer Identität – wir sind, wer wir in ihm sind. Das bringt uns zum letzten Aspekt, den ich heute beleuchten möchte: Wer auf das schaut, was Jesus getan hat, also Jesus im Herzen hat, der wird von allem anderen wegschauen müssen.

indem wir hinschauen auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens, der um der vor ihm liegenden Freude willen die Schande nicht achtete und das Kreuz erduldete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes. (Hebräer 12,2 ELB)

Es ist Weihnachten. Wem könnte das entgehen? Wir alle haben zugenommen, der Schnee hindert uns am Rausgehen und überall steht und liegt Weihnachtsschmuck. Dem einen gefällt’s, dem anderen eher nicht – aber umgehen kann es keiner. Niemand kommt um Weihnachten herum.
Das ist doch eigentlich gar nicht mal so schlecht. So gibt es wenigstens eine Zeit im Jahr in der selbst der hartgesottenste Gottesleugner sich der Beschäftigung mit dem Evangelium nicht entziehen kann. Leider fällt diese Beschäftigung allzu oft negativ aus, aber wer weiß, vielleicht bekommt Gott ja hin und wieder doch eine Chance, durch das ganze Brimbamborium hindurch das eine oder andere Menschenherz zu erreichen.
Man muss allerdings tief graben um an die verschütteten Quellen von Weihnachten heranzukommen, denn fast nichts von dem, was wir so tun, hat etwas mit dem ursprünglichen christlichen Kern zu tun. Das beginnt schon bei der Zeit. Wann Jesus genau geboren ist, weiß niemand. Im Grunde behauptet das auch gar keiner. In der frühen Christenheit interessierte man sich mehr für Todestage als für Geburtstage und so kam das Datum des 25.12. erst im dritten Jahrhundert auf. Was allerdings ganz sicher nicht stimmt ist, dass man einfach germanische Feste übernommen hat um das Christentum in unseren Breiten zu etablieren.
Leider wahr ist, dass die rot-weiße Farbe des Weihnachtsmannes von Coca-Cola herrührt und dass der moderne Konsumterror ebenso wenig mit Weihnachten zu tun hat wie ein „Fest der Liebe“. Das klingt zwar immer schön romantisch, aber das Fest der Liebe ist – wenn überhaupt – der seltsame US-Import des Valentinstages, aber sicher nicht Weihnachten.

„Entweder lebt man aus seiner Identität oder für seine Identität.“

Ausgehend von diesem Aphorismus von Bill Johnson, den ich in einer Predigt aufgeschnappt habe, möchte ich selber in loser Folge einige Predigten über unsere Identität in Christus halten. Wenn wir nicht wissen, wer wir sind und wie Gott uns sieht, kann das unser Leben erheblich erschweren. Wer nicht weiß, dass er geliebt ist, wird hart dafür arbeiten geliebt zu werden; Wer nicht weiß, dass er gerecht ist, wird versuchen aus eigener Kraft vor Gott zu bestehen und damit bestenfalls selbstgerecht werden. Unsere Identität in Christus ist der Dreh- und Angelpunkt unseres Lebens als Christen.
Identität hat etwas mit einer uralten Frage der Menschheit zu tun: Bin ich was ich bin oder bin ich, was ich tue? Man kann beides nicht ganz voneinander trennen, denn wer wir sind hat Einfluss auf unser Handeln und umgekehrt prägt uns, was wir tun. Die Richtung ist aber sehr klar: Gott hat uns zu etwas gemacht, aber wir leben nicht automatisch darin. Oft ist es ein langer Prozess, bis wir das annehmen und leben können, was Gott in uns getan hat.

In diesem ersten Teil geht es darum, dass wir die Gerechtigkeit sind, die vor Gott gilt. Martin Luther ist innerlich daran zerbrochen, dass er Gottes Gerechtigkeit falsch verstanden hat. Er meinte, dass er selbst so gerecht, heilig und sündlos sein müsse wie Gott. Dass es unsere Herausforderung als Menschen ist, Gottes Gerechtigkeit zu erlangen und so zu leben wie er.

 Mir hatte bis dahin nicht die Kälte des Herzens im Wege gestanden, sondern ein einziges Wort, das [in Römer 1,17] steht: Die Gerechtigkeit Gottes wird in ihm [dem Evangelium] offenbar. Denn ich haßte dieses Wort „Gerechtigkeit Gottes“, das ich durch den Gebrauch und die gewohnte Verwendung bei allen Gelehrten gelehrt worden war, philosophisch zu verstehen von der, wie sie sagen, formalen oder aktiven Gerechtigkeit, durch die Gott gerecht ist und die Sünder und die Ungerechten straft.
Ich aber, der ich, obgleich ich als untadeliger Mönch lebte, mich vor Gott als Sünder mit unruhigstem Gewissen fühlte und nicht vertrauen konnte, daß ich durch meine Genugtuung versöhnt sei, liebte nicht, nein ich haßte den gerechten und die Sünder strafenden Gott. Im geheimen war ich – wenn auch auch nicht in Verfluchung, so doch in gewaltigem Murren – aufgebracht gegen Gott, indem ich sagte: Gleichsam als ob es wahrlich nicht genug sei, daß die armen Sünder und die durch die Erbsünde ewig verlorenen durch jede Art von Unheil durch das Gesetz des Dekaloges bedroht sind, wenn nicht Gott durch das Evangelium Leid zum Leid hinzufügte, und auch durch das Evangelium uns Gerechtigkeit und seinen Zorn androhte! Ich raste so mit grimmigem und verwirrtem Gewissen, bedrängte aber ungestüm an dieser Stelle Paulus, brennend dürstend, um zu wissen, was der hl. Paulus wollte.
Tag und Nacht dachte ich unablässig darüber nach, bis Gott sich meiner erbarmte und ich auf den Zusammenhang der Worte achtete, nämlich: Die Gerechtigkeit Gottes wird in ihm offenbar, wie geschrieben steht: ‚Der Gerechte lebt aus Glauben‘. Da fing ich an, die Gerechtigkeit Gottes als die Gerechtigkeit zu verstehen, durch die der Gerechte als durch Gottes Geschenk lebt, nämlich aus dem Glauben, und begriff, daß dies der Sinn sei: Durch das Evangelium wird die Gerechtigkeit Gottes offenbar, und zwar die passive, durch die uns der barmherzige Gott durch den Glauben rechtfertigt. (WA 54, 185f)

Wenn man mit unserem Verständnis des Evangeliums aufwächst, kann man sich kaum vorstellen, welch eine Revolution sich in diesem Moment in Luthers Denken und Fühlen abspielte. Das stellte alles auf den Kopf: Wir müssen nicht gerecht werden durch unser Tun, sondern Gott schenkt uns seine Gerechtigkeit. Er spricht uns in Christus gerecht – das ist ein Kern des Evangeliums, wir bekommen von Gott eine neue Identität; sind nicht mehr Sünder, die sich bemühen in den Himmel zu kommen, sondern Menschen, die Gottes Gerechtigkeit bekommen – ja, es geht sogar noch weiter -: Die Gottes Gerechtigkeit sind.

Er hat den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes würden. (2.Korinther 5,21 nach der Einheitsübersetzung)

Wir sind nicht nur gerecht. Wir haben mehr, als eine äußere Gerechtigkeit – wir sind Gerechtigkeit. Durch Jesu Opfer sind wir Gottes Gerechtigkeit geworden. Er wurde, was wir sind damit wir werden können, was wir sind. Welch ein Tausch! Auch Jesus zog nicht äußerlich Sünde am um uns mit Gerechtigkeit zu überkleiden, er wurde zur Sünde selbst. So ist Gerechtigkeit nun unsere Identität und wir sollten aus dieser Identität leben. Wir müssen nicht versuchen gerecht zu werden vor Gott – wir sind es und sollten lernen, aus dieser Gerechtigkeit zu leben.

Warum ist es so schwer, solche Glaubenstatsachen anzunehmen?
Ich vermute, dass die wenigsten Christen aus diesem Bewusstsein leben. Unsere Sünde ist oft größer als Gottes Wort. Wir leiden unter Dingen, die wir teilweise vor langer Zeit getan haben und deren wir uns immer noch schämen. Es fällt schwer anzunehmen, dass man Gottes Gerechtigkeit ist wenn man gleichzeitig ein starkes Sündenbewusstsein hat und sich mehr um das dreht, was man tut als um das, was man ist.
Um die Frage, warum es so schwer ist, solche Tatsachen anzunehmen, zu beantworten, muss ich etwas ausholen.

Er wurde gestürzt, der große Drache, die alte Schlange, die Teufel oder Satan heißt und die ganze Welt verführt; der Drache wurde auf die Erde gestürzt, und mit ihm wurden seine Engel hinabgeworfen. 10 Da hörte ich eine laute Stimme im Himmel rufen: Jetzt ist er da, der rettende Sieg, die Macht und die Herrschaft unseres Gottes und die Vollmacht seines Gesalbten; denn gestürzt wurde der Ankläger unserer Brüder, der sie bei Tag und bei Nacht vor unserem Gott verklagte. (Offenbarung 12,9-10 nach der Einheitsübersetzung)

Eine Schwierigkeit dabei, die Offenbarung zu verstehen liegt darin, dass sie nicht chronologisch geordnet ist. Manche Stellen, z.B. die Sendschreiben, bezogen sich auf die Gegenwart in der Johannes lebte. Andere beziehen sich auf Ereignisse, die auch heute noch in der Zukunft liegen, wieder andere sind lang vorbei. In dieser Stelle zeigt Gott Johannes eine Realität, die sich lange vor seinen Lebzeiten abgespielt hat. In diesem Fall ist es leicht zu entscheiden wann es sich zugetragen hat, denn Jesus sagte in Lukas 10,18, dass er den „Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen sah“.
Der Verkläger der Brüder und Schwestern wurde also aus dem Himmel auf die Erde geworfen. Das stellt mein Bild ziemlich auf den Kopf. Ich hatte es immer so gelernt, dass Satan im Himmel ist und mich vor Gott anklagt, dass dann aber jedes Mal Jesus kommt und für mich eintritt. Ehrlich gesagt, hat mich das Bild aus zwei Gründen immer gestört: Zum einen wollte ich ungern den Thronraum Gottes betreten und dort den Satan treffen – schlechte Gäste verderben jede Party. Zum anderen hat es mich gewundert, wieso Gott überhaupt auf den Teufel hören sollte und wir vor unserem himmlischen Vater einen Beistand benötigen sollten.
Zum Glück ist das Bild auch falsch. Satan ist nicht im Himmel, er ist auf der Erde und verklagt hier die Kinder Gottes. Er tut das zunächst vor uns selbst, indem er uns unsere eigenen Fehler und Sünden immer wieder vorhält und uns zeigt, dass wir gar keine richtigen Christen sind und Gott uns nicht gebrauchen kann. Dann versucht er es auch untereinander indem er uns voreinander verklagt und schlecht macht.
Vielleicht ist es Dir aufgefallen, dass ein nicht geringer Teil des Neuen Testamentes in juristischen Metaphern geschrieben ist. Es gibt den Ankläger, Schuld, Wiedergutmachung und den Anwalt. Die Bibel sagt, dass der Heilige Geist unser (Rechts)beistand ist. Der Gerichtssaal in diesen Bildern ist nicht der Himmel sondern unser eigenes Herz, unser Denken und unser Gewissen. Hier tobt die Schlacht. Eigentlich können wir ganz beruhigt sein, denn wir haben den besten Anwalt an unserer Seite, den man sich vorstellen kann. Gottes Geist kennt das Gesetz und die Erlösung in- und auswendig. Er kennt unsere Beweggründe, die Vergangenheit und die Zukunft. Mit ihm an unserer Seite können wir gar nicht verlieren.
Es gibt aber einen Prozess, den niemand – auch der beste Anwalt nicht – gewinnen kann. Den Prozess in dem der Angeklagte sich schuldig spricht. Wenn im Prozess der Angeklagte aufsteht und sagt: „es stimmt, das habe ich getan“ – und sich damit mit der Anklage identifiziert – dann hat der Verteidiger verloren. Wenn wir uns mit dem identifizieren, was Satan über uns sagt, hat der Heilige Geist den Prozess verloren. Dann nehmen wir wieder die Identität an, die uns die Gegenseite vorschlägt.
Der Trick ist, sich mit der richtigen Seite zu identifizieren und das zu glauben, was Gott sagt; nicht das, was der Teufel sagt. Es geht wieder um den alten Konflikt: Gott spricht davon was wir sind. Der Teufel sagt, was wir tun. Sein schlägt tun.
Wir werden das leben, was uns beschäftigt. Drehen wir uns um die Sünde die wir tun oder taten, werden wir nicht von ihr loskommen. Leben wir aus unserer neuen Identität ist Sünde wie ein dritter Schuh für den man keine Verwendung hat.

Der neue Hohepriester
Der Hebräerbrief zeigt uns, dass Jesus ein unvergleichlich besserer Hohepriester ist als der Hohepriester im Alten Bund. Gerade das sechste Kapitel zeigt einen gravierenden Unterschied zwischen den beiden Testamenten: Während der Hohepriester des Alten Testamentes jedes Jahr opfern musste um das Volk zu entsündigen, ist Jesus einmal gestorben und hat die Erlösung vollbracht. Er muss es nicht noch einmal machen.
Im Alten Bund wurde so jedes Jahr von Neuem der Schuld des Volkes gedacht indem sie vor Gott gebracht wurde, im Neuen Bund gibt es ein anderes Ritual, das Gottes Volk feiern soll wenn es zusammen kommt: Das Abendmahl. Anders als das Opfer des Alten Testamentes steht beim Abendmahl nicht die Sünde sondern die Erlösung im Mittelpunkt. Jesus selber sagte bei der Einsetzung:

 Während des Mahls nahm Jesus das Brot und sprach den Lobpreis; dann brach er das Brot, reichte es den Jüngern und sagte: Nehmt und eßt; das ist mein Leib. 27 Dann nahm er den Kelch, sprach das Dankgebet und reichte ihn den Jüngern mit den Worten: Trinkt alle daraus; 28 das ist mein Blut, das Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden. (Matthäus 26,26-28 nach der Einheitsübersetzung)

So gedenkt die Gemeinde regelmäßig nicht ihrer Sünden sondern ihrer Vergebung und Erlösung. Auf diese Weise kommt es zu einer Erneuerung des Denkens und wir kommen dahin uns der Erlösung bewusster zu werden als der Sünde. Wer sich mit der Erlösung beschäftigt wird sie immer mehr in seinem Leben wirken lassen, bis sie die Sünde ganz verdrängt. Erlösungsbewusstsein schafft das, was Sündenbewusstsein niemals schaffen kann, nämlich Heiligkeit.

Nun schreibe ich auf meinem Blog schon so lange über die Sprüche, und werde wohl auch noch mehr als ein Jahr brauchen um ganz durch das Buch zu kommen. Aber gepredigt habe ich in der Zeit noch gar nicht aus den Sprüchen. Eigentlich komisch, denn mich selbst haben die Sachen, die ich hier blogge, auch inspiriert.
Heute geht es um das Thema „Gottesdienst“ und da ist es seltsam, wie sehr sich die Ansicht Gottes von dem unterscheidet, was wir unter Gottesdienst verstehen. Da ergibt es natürlich Sinn, mal in die Bibel zu gucken, denn wir Gott dienen wollen sollte wir wissen, was er mag. Sonst dient man ihm leicht auf eine Weise die ihm gar nicht dient weil sie komplett an seinen Bedürfnissen und Neigungen vorbeigeht. Die erste Stelle, mit der wir uns beschäftigen wollen, ist Sprüche 15,8:

Das Opfer der Frevler verabscheut der HERR, aber das Gebet der Rechtschaffenen gefällt ihm. (Sprüche 15,8 nach der Zürcher)

Wenn man Gottesdienste feiert sollte man sich dafür interessieren, was Gott gefällt. Schon im Wort ist enthalten, dass es ihm dienen soll und er dann auch uns dient. Wenn etwas jemand anderem dienen soll, dann muss es ihm gefallen. Natürlich mag Gott erst einmal alles, was seine Kinder für ihn tun, dennoch kann man an seinen Bedürfnissen vorbei leben. Vor Jahren habe ich mal eine Vegetarierin zum Essen eingeladen. Weil ich nicht wusste, dass sie kein Fleisch isst, gab es Hähnchen mit Brötchen. Ich bin sicher, dass sie die gute Absicht erkannt hat und auch zu würdigen wusste, dennoch diente ihr das Essen nicht wirklich. Es wäre nicht passiert, wenn ich mich vorher erkundigt hätte.

Es kommt beim Gottesdienst nicht in erster Linie auf das an, was man tut. Viel wichtiger ist, wer es tut und mit welcher Haltung er zu Gott kommt. Auch schlechte Menschen gehen in die Kirche und wirken dort vielleicht sehr fromm. Ich denke dabei an die Szene in „der Pate“ in der Al Pacino in der Kirche ist während seine Leute die Konkurrenz ausschalten. Ist so jemand fromm? Ist Gott beeindruckt vom knienden Mörder der sich ein Alibi verschafft? (Hier geht es zu dem Video: http://www.myvideo.de/watch/6931454/Der_Pate_15_16)

Nein, er verabscheut die Opfer der Frevler. Dabei ist ein Opfer unter Umständen noch viel mehr als ein Gebet, das der Rechtschaffene spricht. Die fromme Leistung kann durchaus höher sein, dennoch ist Gott nicht beeindruckt denn er sieht tiefer als die Tat – er schaut auf das Herz.
Beim Gottesdienst kommt es nicht in erster Linie auf das an, was in der Gemeinde tun. Das ist nur der liturgische Teil. Viel wichtiger ist das Leben das wir führen.

Dieses Prinzip findet man immer wieder im Alten Testament, am stärksten aber in Jesaja 58, wo Gott den Gottesdienst seines ganzen Volkes verwirft weil das Volk in Sünde lebt – es ehrt ihn mit den Lippen, steht aber nicht mit dem ganzen Leben dahinter. Mit so etwas will Gott nichts zu tun haben. Ihm geht es um den ganzen Menschen, die ganze Person, das ganze Leben. Ihm nur einen Aspekt zu geben verunreinigt das ganze Opfer. Es ist kein guter, echter Gottesdienst wenn man eine Liturgie ableistet, dabei aber in Sünde lebt.

Der HERR sagt: »Rufe, so laut du kannst! Lass deine Stimme erschallen wie eine Posaune! Halte meinem Volk, den Nachkommen Jakobs, ihr Unrecht und ihre Vergehen vor! 2 Sie fragen mich Tag für Tag, warum ich sie solche Wege führe. Wie ein Volk, das sich an das Recht hält und meine Gebote befolgt, fordern sie von mir, dass ich zu ihrer Rettung eingreife, und wünschen sich, dass ich ihnen nahe bin. 3 ‚Was für einen Sinn hat es‘, jammern sie, ‚dass wir Fasttage abhalten und deinetwegen Entbehrungen auf uns nehmen? Du beachtest es ja gar nicht!‘
Darauf sage ich, der HERR: Seht doch, was ihr an euren Fasttagen tut! Ihr geht euren Geschäften nach und beutet eure Arbeiter aus. 4 Ihr fastet zwar, aber ihr seid zugleich streitsüchtig und schlagt sofort mit der Faust drein. Darum kann euer Gebet nicht zu mir gelangen. 5 Ist das vielleicht ein Fasttag, wie ich ihn liebe, wenn ihr auf Essen und Trinken verzichtet, euren Kopf hängen lasst und euch im Sack in die Asche setzt? Nennt ihr das ein Fasten, das mir gefällt?
6 Nein, ein Fasten, wie ich es haben will, sieht anders aus! Löst die Fesseln der Gefangenen, nehmt das drückende Joch von ihrem Hals, gebt den Misshandelten die Freiheit und macht jeder Unterdrückung ein Ende! 7 Ladet die Hungernden an euren Tisch, nehmt die Obdachlosen in euer Haus auf, gebt denen, die in Lumpen herumlaufen, etwas zum Anziehen und helft allen in eurem Volk, die Hilfe brauchen!
8 Dann strahlt euer Glück auf wie die Sonne am Morgen und eure Wunden heilen schnell; eure guten Taten gehen euch voran und meine Herrlichkeit folgt euch als starker Schutz. (Gute Nachricht)

Es geht in erster Linie darum, dass Gottesdienst nicht die kurze Zeit ist die man in der Gemeinde mit einigen Liedern und einer Predigt zubringt. Gottesdienst ist das Leben. Gott hat den Menschen gerettet und sich zu eigen gemacht, nicht eine Stunde seiner Zeit einmal die Woche. Paulus macht im Neuen Testament klar, dass es eine vernünftige, logische Reaktion auf Gottes Gnade ist, sich ihm ganz hinzugeben:

Ich ermahne euch nun, Brüder, durch die Erbarmungen Gottes, eure Leiber darzustellen als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Schlachtopfer, welches euer vernünftiger Dienst ist. (Rom 12,1 Elberfelder)

Die Qualität des liturgischen Gottesdienstes hängt damit nicht in erster Linie von den Darbietungen ab die geboten werden. In dem Maße in dem sich Besucher des Gottesdienstes und die aktiv Beteiligten (wie Prediger und Musiker) Jesus hingeben, wird er den Gottesdienst erfüllen.
So kann es Gottesdienste geben, die nach menschlichen Maßstäben schlecht sind, die aber geistlich etwas rüberbringen und in denen man die Herrlichkeit Gottes spürt. Andere Gottesdienste werden perfekt dargeboten, sind aber nur Veranstaltungen. Beides kenne ich aus Erfahrung.
Wer das Leben als Gottesdienst begreift und entsprechend lebt, wird mehr aus den liturgischen Gottesdiensten mitnehmen als jemand, dessen Christsein sich auf die eine Stunde in der Woche beschränkt. Der liturgische Gottesdienst kann uns erfüllen und neu ausrichten, aber niemals das Leben vor Jesus ersetzen.

Meine Predigt bei der Jesus Konferenz endete mit einem Zitat von Dietrich Bonhoeffer. Es stammt aus seinem Buch „Nachfolge“, ich zitiere heute mal unwesentlich mehr, als beim letzten Mal um einen Punkt deutlicher hervorzuheben:

Billige Gnade ist der Todfeind unserer Kirche. Unser Kampf heute geht um die teure Gnade.
Billige Gnade heißt Gnade als Schleuderware, verschleuderte Vergebung, verschleuderter Trost, verschleudertes Sakrament; Gnade als unerschöpfliche Vorratskammer der Kirche, aus der mit leichtfertigen Händen bedenkenlos und grenzenlos ausgeschüttet wird; Gnade ohne Preis, ohne Kosten. Das sei ja gerade das Wesen der Gnade, dass die Rechnung im voraus für alle Zeit beglichen ist. Auf die gezahlte Rechnung hin ist alles umsonst zu haben. Unendlich groß sind die aufgebrachten Kosten, unendlich groß daher auch die Möglichkeiten des Gebrauchs und der Verschwendung. Was wäre auch Gnade, die nicht billige Gnade ist?
Billige Gnade heißt Gnade als Lehre, als Prinzip, als System; heißt Sündenvergebung als allgemeine Wahrheit, heißt Liebe Gottes als christliche Gottesidee. Wer sie bejaht, der hat schon Vergebung seiner Sünden. Die Kirche dieser Gnadenlehre ist durch sie schon der Gnade teilhaftig. In dieser Kirche findet die Welt billige Bedeckung ihrer Sünden, die sie nicht bereut und von denen frei zu werden sie erst recht nicht wünscht.

[…]

Teure Gnade ist das Evangelium, das immer wieder gesucht, die Gabe, um die gebeten, die Tür, an die angeklopft werden muss. Teuer ist sie, weil sie in die Nachfolge ruft, Gnade ist sie, weil sie in die Nachfolge Jesu Christi ruft; teuer ist sie, weil sie dem Menschen das Leben kostet, Gnade ist sie, weil sie ihm so das Leben erst schenkt; teuer ist sie, weil sie die Sünde verdammt, Gnade, weil sie den Sünder rechtfertigt… Teure Gnade ist Menschwerdung Gottes. (Bonhoeffer, Dietrich: Nachfolge, S. 14-16 der Originalausgabe)

Um ermessen zu können, was dieses Zitat bedeutet hat, und wie viel an persönlichem Leid darin steckt, muss man sich vor Augen halten unter welchen Umständen es entstanden ist. Bonhoeffer schrieb das Buch 1937, zu einer Zeit in der sich bereits überdeutlich abzeichnete, dass sein Leben keinen ruhigen Kurs haben würde. Die dreißiger Jahre waren überschattet vom aufziehenden Krieg, Pogrome lagen in der Luft, und die Kirche war dabei sich anzupassen. 1937 schloss die NS-Regierung Bonhoeffers Predigerseminar in Finkenwalde. Man merkt seinen Büchern eine tiefe Sorge um die Kirche an, die sich auch in seinem (kirchen-) politischem Werk in dieser Zeit niederschlug: Er spürte, dass die Kirche innerlich zu geschwächt war, um dem gewachsen zu sein, was kommt. So arbeitete er in fieberhafter Eile an Allianzen und Bekenntnissen, um der Kirche die Kraft zu geben, sich gegen den beginnenden Nationalsozialismus zu stellen.

Ich will unsere Zeit nicht mit den 1930er Jahren vergleichen. Das wäre sicher ein hinkender Vergleich. Aber die Kirche, zumindest unsere Kirche, erscheint mir auf dieselbe Weise geschwächt. Eine schwache Kirche kann nicht die Rolle einnehmen, die ihr Gott in dieser Welt zugedacht hat. Unsere Haltung zu Sünde und Gnade erinnert leider immer noch sehr an diese alte Analyse Bonhoeffers, wir leben oft eine billige Gnade, die das Geschenk der Vergebung als etwas Selbstverständliches annimmt, aber nicht die Veränderung sucht.
Paulus schreibt im 2.Korinther über etwas Ähnliches. Es geht um den neuen Körper und die Angst vor dem Tod:

Solange wir nämlich in diesem Zelt leben, seufzen wir unter schwerem Druck, weil wir nicht entkleidet, sondern überkleidet werden möchten, damit so das Sterbliche vom Leben verschlungen werde. (2.Korinther 5,4 nach der Einheitsübersetzung)

Eine ähnliche Haltung haben wir auch zu unserem alten und dem neuen Leben: Wir würden gerne das neue über das alte ziehen und leben ohne zu sterben. Leider geht das nicht, man kann das neue nur um den Preis des alten haben. Anders hätte man ein prunkvolles Gewand unter dem das alte schimmelt – niemand würde so etwas wollen.
Die Lektion ist also, dass das alte sterben muss damit das neue anbrechen kann. Eine billige Gnade die uns unverändert lässt, mag angenehm erscheinen, ist aber ein Trugbild; es geht Gott um eine tiefe echte Veränderung, nicht um eine oberflächliche Kosmetik.

In einem sehr positiven biblischen Sinne erinnert mich Bonhoeffer an die Propheten des Alten Testamentes. Ihre Aufgabe war es nicht nur die Zukunft vorauszusehen und auch nicht, Informationen über den Messias zu empfangen. Sie waren das Gewissen des Volkes, das die Meinung Gottes auch gegenüber Königen vertraten und zur Buße aufriefen wenn das Volk sich von Gott entfernte.
In der biblischen Geschichte Israels waren sie lebensnotwendig. Die Geschichte lief immer wieder zyklisch: Ging es dem Volk wendete es sich von Gott ab, wurde verschleppt, suchte Gott wieder, wurde frei und der Zyklus begann von vorne. Ich vermute, dass man ähnliches in der Kirchengeschichte findet. Gottes Volk ist stark wenn es in einem bedeutsamen Sinne Gott in der Mitte hat. Wenn Gott nur noch eine Vokabel ist die man im Mund führt, erlischt diese Stärke. Deswegen brauchen wir heute, ebenso wie im Alten Testament, die Stimme der Prophetie, die die Gemeinde in die Nachfolge zurückruft und Sünde beim Namen nennt.
Wir brauchen Menschen, die sich Jesus radikal hingeben und das wirklich ernst und ehrlich meinen und die nicht nur eine Überkleidung suchen sondern echte Nachfolge.

Ich möchte mit einem Bild für billige Gnade schließen, das mir nicht aus dem Kopf geht. Als ich meine Frau geheiratet habe, versprach ich ihr lebenslange Treue. Dieser Aspekt kommt in jedem Trauversprechen vor. Allein dieses Versprechen gibt einer Ehe schon Bestand und Sicherheit. Es besagt: „egal, was Du tust, ich bleibe bei Dir. Ich werde mich nicht zurückziehen und zu meinem Versprechen stehen.“
Auf einem solchen Fundament kann man sicher sein und auch Fehler machen ohne in Angst vor Konsequenzen zu leben. Es wäre aber falsch, das Versprechen als Freibrief zu nehmen und zu sagen: „Du hast versprochen bei mir zu bleiben, jetzt kann ich mich darauf ausruhen und tun was ich will.“ Wer sich mit einer solchen Haltung wie in Arsch benimmt, missbraucht das Eheversprechen.
Mit der Gnade Jesu verhält es sich ähnlich. Sie ist ein Fundament auf dem unsere Gottesbeziehung sicher stehen kann. Wir brauchen keine Angst vor Strafe zu haben, denn Jesus hat für uns bezahlt. Es ist aber ein absoluter Missbrauch dieser Gnade wenn wir einfach so weiter machen wie bisher und nicht frei werden wollen von Sünde.
Aus diesem Grunde fordert uns die Bibel mehrfach auf, unserer Berufung würdig zu leben (Epheser 4,1; Philipper 1,27). Erst kommt die Gnade – sie ist es, die uns frei macht. Aus Dankbarkeit folgt nachher die Heiligkeit. Es beginnt mit Gott, aber es geht zum Menschen. Von diesem Ablauf erzählen einige biblische Geschichten. Wir sollten lernen, das ganze Evangelium zu nehmen und nicht bei der Vergebung stehen zu bleiben, wenn das Ziel eigentlich Freiheit ist.

Letzte Woche habe ich eine Predigt bei der Jesuskonferenz gehalten. In der Predigt ging es um die Aussendungsstelle in Matthäus 10. Es war eine dieser Predigten, die mir selber noch nachhängen. Manchmal hört man etwas, das einen einfach beschäftigt; man kann nicht aus dem Gottesdienst gehen und es sofort vergessen, sondern kehrt in Gedanken und im Gebet immer wieder dazu zurück. So ging es mir mit dieser Predigt, auch wenn ich sie selbst gehalten habe.

In Matthäus 10 geht es darum, dass Jesus seine Jünger wie Schafe unter die Wölfe sendet – in eine Situation hinein, die sie nicht überleben können. Jesus hat Nachfolge nie schön geredet, er war immer ehrlich in Bezug auf die Kosten und Gefahren die es mit sich bringen würde, ihm zu folgen. Tatsächlich hat Jesus das Leben der Jünger nicht beschönigt. Selbst in der einen Stelle in der er seinen Nachfolgern verspricht, dass sie Mütter, Äcker und alles, was sie sonst noch um des Evangeliums aufgeben würden, zurückerstattet bekämen ist der Zusammenhang zunächst einmal negativ: Vor dem Zurückbekommen steht das Verlassen und Aufgeben.
Nach der Predigt sagte jemand: „Eine positive Verheißung hat er ja doch gegeben: ‚Ich bin immer bei Euch’.“ Auch dazu ein klares „jein“, denn bei Licht betrachtet war genau das ja ihr Problem: Jesus war ein Stress-Magnet als er auf der Erde lebte und der auferstandene Jesus stand dem in nichts nach. Die Jünger hätten möglicherweise ein leichteres und entspannteres Leben gehabt wenn sie nicht so viel von Jesus gezeigt hätten.

Mir hilft es enorm, die Bibel immer wieder einmal aus einer anderen Perspektive zu lesen; das bringt immer wieder Erkenntnisse und Tiefe mit sich. Solche Stellen wörtlich zu nehmen und nicht durch den Filter zu betrachten, dass Nachfolge bedeutet, dass Gott alles tut damit es uns gut geht, wirft ein interessantes Licht auf das Leben mit Jesus, das man sonst nicht so hat.
Die Frage ist natürlich, wieso Jesus Jüngerschaft so dargestellt hat wie er es eben getan hat. Gewiss hätte es auch positiveres gegeben was er hätte sagen können. Historisch betrachtet wäre alles andere natürlich glatt gelogen gewesen. Er sandte seine Jünger wirklich wie Schafe unter die Wölfe. Von den zwölfen starb laut kirchengeschichtlichen Quellen nur einer eines natürlichen Todes, nämlich Johannes. Judas starb durch eigene Hand und alle anderen als Märtyrer. Jesus hatte nicht übertrieben als er sie mit so düsteren Zukunftsaussichten hinausschickte.

Heute sieht die Situation, zumindest im Westen, anders aus. Ich kenne niemanden persönlich der als Märtyrer gestorben wäre. Aber immer noch kostet Nachfolge einen Preis. Wer es aus geistlichen Gründen ablehnt zu lügen oder zu betrügen kann schon Druck zu spüren bekommen. Auf vielen Arbeitsstellen ist es absolut üblich Quittungen oder andere Belege zu fälschen. Bei anderen wird ganz selbstverständlich schwarz gearbeitet oder das Finanzamt betrogen. Im Laufe der Jahre habe ich die abenteuerlichsten Geschichten gehört und war oft sehr beeindruckt von Christen, die da nicht mitgemacht haben sondern unbeirrt zu ihren moralischen Werten gestanden haben.

Ich lerne aber aus diesen Bibelstellen noch etwas anderes, allgemeineres über Nachfolge und ich hoffe, dass ich das richtig rüberbringen kann so dass nicht am Ende etwas Falsches dabei herauskommt.
Ich meine, dass wir oft aus einer sehr egoistischen Motivation heraus mit Gott leben. Christen haben dieselben Ansprüche und Wünsche an das Leben wie auch jeder Ungläubige. Die Gefahr ist mehr als groß, dass wir von Gott erwarten, dass er sich jetzt für die Erfüllung all unserer Wünsche zuständig fühlt und es gar nicht mehr um Nachfolge geht sondern darum, was Gott für uns tun kann.
Diese Gefahr ist besonders groß wenn man glaubt, dass Gott ein gutes Leben für uns wünscht, dass er ein Gott der Heilung, der Wiederherstellung und der Versorgung ist. All das glaube ich ganz gewiss, aber es führt leicht in eine falsche Richtung die uns nicht auf Leid vorbereitet und dazu führt, dass wir Gott nicht um seiner selbst willen folgen sondern um dessen willen was er tun kann.
Paradoxerweise steht an der Wurzel der Weltlichkeit oft gerade Gott. Eigentlich ist er es, der uns aus der Welt rettet und über die Welt erhebt. Aber weil er allmächtig ist erwarten wir leicht von ihm, dass er die Erfüllung all unserer „weltlichen“ Wünsche besorgt.
Wer so denkt und glaubt sieht in Gott schnell einen Wunscherfüller von dem er sich leicht wieder abwendet wenn es im Leben nicht so läuft wie man es sich wünscht. Ich habe viele gesehen, die Feuer und Flamme für Jesus waren und ihm dann in Krisenzeiten den Rücken gekehrt haben. Oft hört man das gerade in Bezug auf Gebet: „Ich habe Gott um dieses und jenes gebeten und es ist nicht passiert, dabei hat Jesus doch versprochen uns alles zu geben.“ Auch wenn so etwas bis zu einem gewissen Grad nachvollziehbar ist zeigt es auch eine Schwäche: Wer so denkt liebt nicht Jesus um seiner selbst willen.

Mich haben oft ältere katholische Gläubige an diesem Punkt herausgefordert. Bruder Lorenz zum Beispiel. Sein Buch „allzeit in Gottes Gegenwart“ ist ein Klassiker. Er lebte in Gottes Gegenwart und schätzte Jesus über alles. In der Einleitung schreibt Gerhard Tersteegen:

Es ist unter allen gottseligen Übungen keine allgemeiner, einfältiger, einmaliger, süßer, nützlicher und keine, die mehr die ganze Summe der christlichen Pflichten in ein glückseliges Eins zusammenfasst, als die Übung der liebreichen Gegenwart Gottes, und zwar nach dem Geständnis aller Heiligen. Darin sind uns Henoch, Noah, Abraham, David und unser Heiland selber vorangegangen; und bis in die Gegenwart hinein bezeugen alle Frommen, es sei ihnen gut, dass sie sich nahe zu Gott halten (Ps. 83,28) (Bruder Lorenz (1993): Allzeit in Gottes Gegenwart. Metzingen, S. 7)

Neben seinem Zeugnis hatte Bruder Lorenz theologische Sichtweisen, die ich vollkommen anders sehe als er. Er sah Leiden positiv und meinte, dass es von Gott kommt. Er betete sogar darum krank zu werden und so Gott im Krankheitsleiden zu verherrlichen. Er ging gar nicht erst davon aus, dass Gott ihm ein gutes Leben mit Reichtum, Anerkennung usw. verschaffen wollte.
Da fragt sich mancher, warum man denn mit Gott leben sollte, wenn man nicht den Segen sucht. In Bruder Lorenz kleinem Büchlein blitzt einfach eines hervor: Liebe um Jesu selbst willen.

Vor zwei Jahren las ich in der Weihnachtszeit Mutter Teresas Biographie „Komm, sei mein Licht.“ Darin glänzte derselbe Geist. Sie hatte tiefe Gottesberührungen und Visionen in denen Jesus ihr den Auftrag gab den ärmsten der Armen zu dienen. Ihre Ordensregeln sind streng und stießen deswegen auch bei einigen katholischen Autoritäten auf Widerspruch: Sie wären gar zu hart. In dem Gelübde werden extreme Armut, Keuschheit und Unterordnung verlangt; jede Novizin bekommt einen Ordensnamen.
Viele Christen können sich nicht vorstellen warum man mit Jesus lebt, wenn man von vornherein ausschließt mit den üblichen Dingen gesegnet zu werden die sich Menschen wünschen. Warum folgt man Jesus wenn man nicht berühmt oder gesellschaftlich anerkannt werden wird? Warum folgt man ihm wenn man in Armut lebt und nur den Habit am Leibe, ein Kreuz und eine Bibel besitzt? Warum folgt man ihm wenn man nicht den Partner zum Leben und das Glück findet?
Das ist eine mutige Frage, die ich gerne jeden Hörer und Leser dieser Predigt stellen möchte: „Liebst Du Jesus um seiner selbst willen oder wegen dessen, was er tun kann?“ Ich will kein Heuchler sein, ich könnte selber nicht nach den Regeln der barmherzigen Schwestern leben. Ich meine auch nicht, dass das jeder tun sollte. Aber ich will Jesus um seiner selbst willen lieben.
Es ist schwer zu sagen, warum man jemanden liebt. In einem Eheseminar an dem ich teilnahm lobten alle Männer die Kochkünste ihrer Frauen als die Frage aufkam, was sie an ihrer Partnerin liebten. Oje, das ist ein ziemlich schwacher Grund.
Aber es ist schwer zu sagen, warum man an einem anderen Menschen liebt. Die Schwierigkeit besteht darin, dass uns die Sprache fehlt um so etwas auszudrücken. Wir sagen, dass wir das Aussehen oder den Charakter lieben und wissen, dass das zu kurz greift. Wenn sich das Aussehen nach und nach zum Schlechten verändert muss das nicht das Ende der Liebe sein. Im Grunde kann man diese Frage nicht beantworten.
Bei Jesus, den wir nicht sehen können, der aber unser ganzes Leben und Wesen erfüllt ist es vielleicht noch schwieriger diese Frage zu beantworten. Ich würde mich freuen, wenn in meiner Antwort nicht das Kreuz vorkäme weil auch das wieder etwas ist, was er getan hat, nicht was er ist. Wahrscheinlich kann uns nur Gott selbst eine Antwort auf die Frage geben und vermutlich werden wir kaum darüber sprechen können. Dennoch ist es gut, sich die Frage zu stellen.

Wer auf das Wort achtet, findet Glück, und wohl dem, der auf den HERRN vertraut. (Sprüche 16,20 nach der Zürcher)

Ich nehme mir heute die Freiheit assoziativ auszulegen. Ich weiß, dass die kommende Auslegung exegetisch unhaltbar ist, aber ich glaube auch, dass Gott manchmal durch etwas spricht, was Bibelwissenschaftler nicht richtig finden und was sich der akademischen Theologie widersetzt.
Die Auslegung dieses Spruchs geht über das „Wort“. Wer auf das Wort achtet findet Glück. Natürlich ist das Wort der Unterweisung zur Weisheit gemeint, aber wir legen auch das Alte Testament mit dem Neuen aus. Erst das Neue Testament zeigt das absolute, ultimative Wort. Zuletzt hat Gott gesprochen in seinem Sohn (Hebräer 1,1). Das Wort, auf das wir achten sollen ist mehr als eine Unterweisung und auch mehr als die Bibel – es ist eine Person: Jesus Christus, Gottes Sohn und Gott selbst.
Wer auf ihn blickt, ihm folgt und sich von ihm inspirieren und anzünden lässt, der findet das Glück. Die Heiligen des Alten Testamentes waren in der geschichtlich einmaligen Situation dass sie einen Messias ankündigten, den sie zu ihren Lebzeiten nie sehen würden. Ich schätze, dass der Schreiber dieses Spruches stolz wäre wenn er sehen könnte, dass er auf Jesus hin prophezeite und dass sein Spruch Jahrhunderte später eine Bedeutung annehmen würde deren Tiefe er nicht vorausahnen konnte.

##sys

15. April 2012 in Allgemein 2

Gottes Gedanken

[Editorial: Ich sehe eben, dass ich immerhin 54 Predigten nicht geblogt habe. Das ist eine Menge und spricht dafür, dass ich lange nichts mehr hier veröffentlicht habe. Ich habe noch etwa eine Stunde Zeit und werde in der Zeit mal so viele posten, wie es geht.]

Heute beginnt das Bergische Jugendkulturfestival und wir freuen uns, als Jesus Freaks in Remscheid dabei zu sein. Kultur war immer schon etwas, das uns sehr auf dem Herzen ist und wir hoffen, dass die kulturelle Szene in unserer Stadt auch durch dieses Festival belebt wird.
Trotz des Rahmens ist das hier ein normaler Gottesdienst. Das einzige wirklich ungewöhnliche ist, dass anschließend noch eine Band spielt. Der Rest ist eigentlich wie immer und so gibt es auch eine ganz gewöhnliche Predigt. Ich möchte über eine Stelle aus dem Alten Testament predigen:

 Denn ich, ich kenne meine Pläne, die ich für euch habe – Spruch des Herrn -, Pläne des Heils und nicht des Unheils; denn ich will euch eine Zukunft und eine Hoffnung geben. 12 Wenn ihr mich ruft, wenn ihr kommt und zu mir betet, so erhöre ich euch. 13 Sucht ihr mich, so findet ihr mich. Wenn ihr von ganzem Herzen nach mir fragt, 14 lasse ich mich von euch finden – Spruch des Herrn. Ich wende euer Geschick und sammle euch aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch versprengt habe – Spruch des Herrn. Ich bringe euch an den Ort zurück, von dem ich euch weggeführt habe. (Jeremia 29,11-14 nach der Einheitsübersetzung)

Hier geht es um die Pläne, die Gott mit Menschen hat. Das ist schon einmal ein wichtiger Punkt: Gott hat Pläne. Er hat Ideen, wie unsere Zukunft aussehen kann. Es ist ihm nicht egal, wie Menschen leben und wie es ihnen geht. Noch viel wichtiger ist allerdings, dass es gute Pläne und Ideen sind, keine schlechten. Vielleicht gehörst Du zu denen, die sich die Welt angucken und denken: „Flut in Pakistan, Krieg im Irak, Wirtschaftskrise und noch nicht mal die WM gewonnen – wie soll man da darauf kommen, dass es ausgerechnet einen guten Gott gibt?“ Oder Du fragst Dich, „welcher Gott denn überhaupt? Da gibt es ja ein ordentliches Angebot verschiedener religiöser Ansichten“. Oder es interessiert Dich gar nicht, weil Du ohnehin an keinen Gott glaubst.
In allen Fällen sage ich, dass es einen Gott gibt. Heute Abend sind viele hier im Kultshock, die ihn kennen, erlebt haben, dass er tatsächlich da ist und dass es auch stimmt, dass er gute Pläne und Ideen hat – er will, dass jeder Mensch eine gute Zukunft hat.

Jeremia war ein Prophet. Das war kein Beruf für den er bezahlt wurde sondern eine echte Last. Er sah voraus, dass Israel, sein Volk, das Land in dem er lebte, in Gefangenschaft geraten würde. Er sah das Ende seiner Welt voraus und dass alles schlimm werden würde. Liest man Jeremia, gewinnt man schnell den Eindruck, dass er ganz bestimmt kein Prophet sein wollte. Er litt unter den Worten Gottes, die er empfing. An einer Stelle sagt er, dass Gottes Wort ein Feuer in seinen Glieder ist, das ihn so sehr antreibt zu reden, dass er nicht schweigen kann, egal ob er wollte oder nicht. Es ging ihm so schlecht, dass er noch ein zweites Buch mit seinen Klageliedern schrieb. Das ist vielleicht das depressivste Buch der ganzen Bibel, in dem es nur darum geht, wie schlecht es dem Propheten ging. Mit „depressiv“ würde man ihn noch recht hoffnungsfroh umschreiben.
In dem Ganzen gab es nur ein Gutes: Er sah die kommende Katastrophe voraus, aber auch, wie man sie abwenden kann und wieder rauskommt. Damit ist Jeremia ein Buch speziell für Leute, denen es schlecht geht – ein Buch des Auswegs. Im Grunde ist es mit der ganzen Bibel so: Die Menschen denen Gott am nahsten ist sind nicht die Menschen, denen es am besten geht. Das ist paradox, weil Gottes Segen Menschen glücklich macht. Aber Gott steht immer auf der Seite der Schwachen und Unterdrückten. Auf der Seite der Kranken und Gedemütigten, gerade deren Schicksal will Er wenden.
Geschichtlich ist es eine seltsame Sache, dass das Christentum eine konservative Religion geworden ist. Wenn es sich in den USA sogar als eine nationalistische und repressive Sache zeigt, ist man weit vom Kern des Evangeliums entfernt. Gott stand immer auf Seiten der Schwachen und Jesus Christus hat auch genau das vorgelebt und uns als Auftrag gegeben.

Die Zukunft die Gott uns zudenkt geschieht nicht automatisch. Das ist eines der großen Missverständnisse des Glaubens. Viele meinen, dass Gott so sein muss wie die Welt, wenn es ihn gibt. Sie meinen, dass Slayer mit ihrem Plattentitel Recht haben und dass Gott uns hasst. Würde in der Welt tatsächlich alles genau nach Gottes Plan laufen, könnte das vielleicht stimmen. Der springende Punkt ist aber, dass Gottes Pläne eine Option darstellen, die sich nicht von alleine realisiert und nicht zwingend geschieht. Sie sind davon abhängig, dass Menschen mitmachen.
Dieser Gedanke will kaum in meinen Kopf: Gott macht sich quasi abhängig von Menschen; seine Pläne funktionieren nur, wenn wir ihn suchen und auf seinen Wegen gehen.

Hier ist also der Weg aus dem Loch: Nicht verzweifeln sondern Gott suchen. Nach ihm rufen. Das Versprechen ist, dass er sich finden lassen wird und das Geschick der Menschen wieder wendet. In diesen Versen ist es das Geschick Israels, aber Israel steht für jeden anderen Menschen auch. Wer Gott sucht wird leben.

[Predigt vom 2010-09-10 ]

Besser bescheiden sein mit den Elenden, als Beute teilen mit den Stolzen. (Sprüche 16,19 nach der Zürcher)

 

Im Gegensatz zu 16,17 wird hier keine rationale Begründung geboten. Es wird einfach ein Prinzip aufgestellt. Vermutlich meinte der Sprüchedichter, dass diese Aussage selbstevident ist. Ich kann mir vorstellen, dass sich das vielen Lesern nicht so darstellt. Beute mit den Stolzen zu teilen hat immer etwas Anziehendes, während man den Nutzen der Bescheidenheit erst kennen lernen muss.

##sys

Seite 10 von 216« Erste...89101112...203040...Letzte »