11. August 2011 in theologie und gemeinde 7

Identität

Seit Weihnachten befinde ich mich auf einer Reise zu mir selbst. Das Ziel ist, mich so kennen zu lernen, wie ich eigentlich bin. Ich bin überzeugt, dass es nur einen gibt, der mich wirklich kennt: Gott. Natürlich haben Menschen eine Meinung von mir, und viele halten damit nicht hinterm Berg. Ich selber habe auch ein Bild von mir im Kopf – aber ich kenne die Menschen und will mich nicht darauf verlassen, was sie mir sagen.

Weil Gott mich gemacht hat und ich in ihm auch noch eine ganz neue Schöpfung bin (2. Korinther 5,17), muss er mir sagen, wer ich bin. Es wäre gefährlich, meine Identität aus anderen Quellen beziehen.

Die Reise hat leichte und schwere Etappen. Das Einfachste ist, herauszufinden, was Gott über mich denkt. Das sind ja keine Geheiminformationen, sondern es steht klar und deutlich in der Bibel. Ich lese, dass ich geliebt bin (Johannes 3,16), dass ich durch Gott alles kann (Philipper 4,13), dass ich mit dem Heiligen Geist erfüllt bin (Römer 8,11), dass ich Gottes Gerechtigkeit bin (2. Korinther 5,21), dass ich geheilt bin (1. Petrus 2,24) und vieles mehr. Schwieriger ist es, dieses Wissen im Alltag umzusetzen und tatsächlich mein Leben davon prägen zu lassen. Dabei helfen mir u.a. zwei Erkenntnisse:

1) Glaube schaut zurück. Zu vielen Zeiten war das wichtigste Element meines Glaubenslebens Hoffnung: Ich habe gehofft und mich darauf gefreut, dass Jesus etwas tun wird. Heute ist das wichtigste Element Glaube: Ich glaube, dass bereits alles vollbracht ist. Glaube ist im Kreuz verankert, nicht in der Zukunft.

2) Jesus ist alles. Unter dem vielen, das ich habe, ist nichts, was ich verdient oder erkauft hätte. Christus ist die Quelle von allem. Nicht meine Leistung macht mich vor Gott angenehm, sondern Er. Deshalb hängt es nicht an mir, ich bin nur Nutznießer seiner Verdienste.

Mein Herz ist voll mit diesem Thema, und als Pastor reise ich nicht allein, sondern nehme durch Predigten die Gemeinde mit. Wer sich mehr für meine Reise interessiert, kann unter www.JFRS.de eine wachsende Zahl von mp3s über unsere Identität in Christus.

[aus: Freakstock Allgemeine Zeitung, 2011]

Besser wenig mit Gerechtigkeit als reichen Ertrag mit Unrecht. (Sprüche 16,8 nach der Zürcher)

Eine typische Aussage für die Sprüche! Wenn ich das schreibe meine ich es nicht als Hinweis darauf, dass sich das Buch wiederholt. Natürlich tut es das, immer und immer wieder. Ich schreibe es um eine Priorität anzudeuten – nicht jeder Gedanke in den Sprüchen wird gleich oft wiederholt. Manche tauchen nur ein einziges Mal auf, anderen begegnet man auf fast jeder Seite.
Man darf getrost davon ausgehen, dass die wiederholt werden die besonders wichtig sind. In Sprüche 16,8 geht es um etwas, das mit Geld nicht zu bezahlen ist: Integrität. Es ist leicht viel zu bekommen und unrechtmäßig reich zu werden – aber es ist nicht erstrebenswert. Es ist besser unter seinen wenigen Besitztümern ein gutes Gewissen zu haben als reich zu sein und dabei über Leichen gegangen zu sein.
Man muss diesen Gedanken immer wiederholen und ihn einüben weil man in ständiger Gefahr lebt, dieses kleine Prinzip zu übertreten. Die Versuchung ist allgegenwärtig und jeder ist der Versuchung zu kleinen Gaunereien oder Diebstählen ausgesetzt. Gut, wenn man dann sein Herz festgemacht hat und nicht von der Gier getrieben ist.

[systematisch durch die Bibel]

Die längste Bekehrungsgeschichte im Neuen Testament ist die Geschichte von Kornelius, von der Apostelgeschichte 10 berichtet. Kornelius wäre selbst nach heutigen Maßstäben eine echte Herausforderung für die meisten Gemeinden. Er war Ausländer und Offizier der römischen Besatzungsmacht. Ausgerechnet zu so jemandem schickte Gott den frommen Petrus, der für den Besuch weiter über seinen jüdischen Schatten springen musste als wir uns vorstellen können.
Früher hat mich am meisten der Teil beeindruckt in dem Gott Petrus mit einer Vision dazu überredet mit den Boten zu gehen und bei Kornelius zu predigen. Ich liebe diesen Teil der Geschichte weil er einmal mehr zeigt wie abhängig Evangelisation von Prophetie ist. Wenn Gott mit und durch uns redet und die Herzen der Menschen vorbereitet, ist es viel leichter sie zum Glauben zu führen als wenn wir selber versuchen sie von etwas zu überzeugen was sie nicht interessiert. Diesmal bin ich aber an einer ganz anderen Stelle hängen geblieben, die bereits ziemlich am Anfang steht.
Auf einmal steht ein Engel in dem Zimmer in dem Kornelius betet. Damit hatte er nun wirklich nicht gerechnet. Er betete vielleicht schon seit Jahren in diesem Raum und liebte es, seine Gedanke vor Gott zur Ruhe zu bringen. Aber noch nie war irgendetwas Besonderes dabei passiert. Nun stand auf einmal ein Engel vor ihm und Kornelius war erschrocken. Dann redete der Engel auch noch mit ihm und begann mit den Worten:

„Deine Gebete und Almosen sind zu Gott gelangt, und er hat sich an sie erinnert. (Apostelgeschichte 10,4 nach der Einheitsübersetzung)

Das ist einer dieser Sätze die man sich nicht zu sagen trauen würde, wenn sie nicht von einem Engel Gottes persönlich kämen. Dass Gebete zu Gott kommen glauben wir alle. Aber das Gott auf Almosen reagiert klingt ganz schön unevangelisch. Unser Verständnis von Gnade klammert unser Verhalten oft völlig aus dem Glauben aus. Gnade ist für uns, dass Gott uns unabhängig von dem segnet, was wir tun. Gebet verstehen wir dabei selten als eine Leistung und denken deshalb, dass Gott auf Gebet reagiert. Aber dass Gott sich davon beeinflussen lässt ob wir spenden oder Gutes tun, das kommt uns fast wie Ketzerei vor.
Ich glaube, dass ein großer Zusammenhang zwischen unserem Lebensstil und Gottes Antwort besteht und dass er vielleicht damals noch offensichtlicher war als in unserer Kultur. Kornelius war ein sogenannter Gottesfürchtiger. Er war nicht als Jude geboren und war nicht ganz Teil der jüdischen Kultur, aber er betete Gott an und versuchte sich so weit wie möglich an die göttlichen Gebote und den jüdischen Lebensstil zu halten. Für einen Juden war es nicht möglich, seinen Gottesdienst mit Gebet, dem Studium des Gesetzes, Synagogenbesuch usw. von seinem Leben zu trennen. Spenden waren ebenso vorgeschrieben wie Zehnten geben. Nur beten und den Rest vernachlässigen ging nicht.
Kornelius zeigte mit seinem Lebensstil, dass er Gott ernst nahm und sich von ihm regieren ließ. Er gab ihm nicht den religiösen Teil seines Lebens sondern sein ganzes Leben. Für Gott hat sich daran nichts geändert: Er will noch immer der Gott unseres ganzen Lebens sein und nicht des einen Teiles. Wir beten Gott mit unserem ganzen Leben an. Dazu gehören gesprochene Gebete, aber auch Zeugnis geben. Dazu gehören Gottesdienste, aber auch Spenden. Dazu gehört Anbetung, aber auch Heiligkeit, Bibelstudium aber auch Nächstenliebe. Die Liste lässt sich fast beliebig verlängern.
Die Botschaft des Engels an Kornelius ist im Grunde denkbar einfach: Gott gehört das ganze Leben und nicht nur der vermeintlich fromme Teil hat Gott erreicht sondern der ganze Lebensstil des Kornelius. Mich beschäftigt das Thema schon länger und je mehr ich darüber nachdenke, um so sicherer bin ich, dass unser Leben unsere Gebete völlig durchstreichen kann. Wenn wir Gott nicht mit unserem ganzen Leben ehren und ernst nehmen, wird der kleine „christliche“ Anteil sicher nicht die Effektivität haben die wir uns manchmal wünschen. Dann haben wir, wie Paulus sagte, eine fromme Form, verleugnen aber mit unserem Leben die Kraft der Frömmigkeit und sind damit im schlimmsten Fall „getünchte Gräber“.

[auch veröffentlicht im kranken Boten]

Wenn dem HERRN die Wege eines Mannes gefallen, versöhnt er mit ihm auch seine Feinde. (Sprüche 16,7 nach der Zürcher)

Welch eine Verheißung! Gute Beziehungen, selbst zu Feinden, sind nicht nur das Ergebnis von Investition in Beziehungen, sondern auch von einem gerechten Leben mit Gott. Wer in seine Gottesbeziehung investiert, der investiert zugleich auch in seine Beziehung zu den Mitmenschen.

[systematisch durch die Bibel]

In der Predigtreihe über die Tugenden, und auch der Predigt über Sex, ist immer wieder die Frage nach dem richtigen Handeln angeklungen, die Frage nach Ethik. Diesem Thema möchte ich mich heute etwas detaillierter widmen und die Frage nach dem richtigen Handeln etwas philosophisch angehen und schauen, was wir als Christen von der Philosophie lernen können und wie die Bibel manchmal Philosophie auslegt.
Die Frage, wie man sich richtig verhält ist im Grunde so alt wie die Menschheit, oder präziser gesagt: So alt wie die Menschheit nach dem Sündenfall. In 1.Mose 3,5 wird deutlich, dass Gott nie gewollt hat, dass seine Menschen den Unterschied zwischen gut und böse kennen. Das wäre auch nicht nötig gewesen, denn im Grunde sollte der Mensch ohne das Böse leben, wovon hätte er dann das Gute überhaupt unterscheiden sollen? Gott wusste, dass in einer vollkommenen Welt die Frage nach dem moralisch richtigen Handeln überflüssig ist und auch, dass kein Mensch ganz glücklich ist, der sich mit dieser Frage quälen muss. Die Unterscheidung zwischen Gut und Böse ist schwer und die moralische Verantwortung, die er übernehmen muss, macht dem Menschen schwer zu schaffen.
Das Angebot Gut und Böse zu erkennen ist also ein typisch Teuflisches: Hätten die ersten Menschen das Gebot nicht übertreten, wären sie gar nicht in die missliche Situation geraten Gutes von Bösem unterscheiden zu müssen. Nun leben wir aber in einer gefallenen, Gottes Ideal entfremdeten Welt und müssen mit dieser Tatsache leben – uns über die Konsequenzen unseres Handelns Gedanken machen . Es ist nicht einfach, damit zu leben, ständig vor die Wahl gestellt zu sein.
Der französische Philosoph Jean-Paul Sartre hat diese Schwierigkeit mit einem berühmten Satz zum Ausdruck gebracht: Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt.

Aristoteles
Weil die Notwendigkeit des ethischen Handelns so alt ist, sind auch die Überlegungen zum richtigen Handeln sehr alt. Sie finden ihren Niederschlag in den ältesten Gesetzessammlungen der Welt und in ihren zugrundeliegenden ethischen Philosophien . Einer der früheren ethischen Denker des Abendlandes war Aristoteles (384-322 v.Chr.). Für Aristoteles bedeutete ein tugendhaftes Leben, ein exzellenter Mensch zu sein. Das kann man nicht theoretisch sein, es ist eine praktische Aufgabe, die zudem noch das ganze Leben lang dauert. Man ist nicht einfach durch Geburt ein tugendhafter oder guter Mensch, man wird es durch Praxis. Darüber zu lesen und zu studieren bringt wenig, der Nutzen selbst der besten Bücher (also auch Aristoteles eigener „Nikomachischen Ethik“) ist begrenzt, sie können inspirieren, entheben uns aber nicht der Verpflichtung das Gelernte anzuwenden.
Eine Möglichkeit ethisch zu wachsen ist nach Aristoteles, tugendhaften Vorbildern zu folgen. Natürlich geht er auch darauf ein, was eine tugendhafte Person ist, aber im Grunde ist das für einen Philosophen ein seltsamer Tipp, denn er beantwortet nicht die Frage danach, was tugendhaft ist und wie man sich entsprechend verhält. Interessanterweise wirft diese Antwort aber ein Schlaglicht darauf, wie man als Christ lernt, sich gut zu verhalten. Wir folgen einem moralisch hochstehenden Vorbild. Für uns ist es gar keine Frage, wen wir uns suchen und wer uns in unserem Leben und Charakter weiterbringen kann. Die modernste Fassung dieses jahrtausende alten Tipps tragen vermutlich einige die diese Predigt hören oder lesen am Arm: WWJD – what would Jesus do?
Wir können tugendhaftes Verhalten am besten lernen indem wir dem tugendhaftesten Vorbild folgen, das überhaupt möglich ist: Jesus Christus. Für uns ist die Frage nach dem richtigen Verhalten im Grunde noch wichtiger oder schwieriger als für die Menschen ohne Jesus. Wir lernen einen Verhaltenskodex der sich nicht auf Werte dieser Welt stützt und somit oft nicht direkt aus der Erfahrung der Welt abzuleiten ist. Das Verhalten in Gottes Reich stellt oft die Regeln die man in der Welt lernt gerade auf den Kopf. Wir brauchen ein Vorbild, dass den Weg bereits gegangen ist und uns helfen kann, ihn ebenso zu gehen.
So verstanden liest sich Aristoteles fast wie die Hoffnung des Alten Testamentes. Irgendwann wird jemand kommen, dessen Vorbild so leuchtend ist, dass man ihm bedenkenlos folgen kann. Bei denen die Aristoteles auslegen gibt es verschiedene Vorschläge, wer diese Person ist, der man folgen und durch deren Nachahmung man lernen kann, sich tugendhafter zu verhalten. Ghandi wird an die Seite von Sokrates, Buddha oder Jesus gestellt. Es zeigt sich ein ungebrochenes Bedürfnis nach Leit- und Vorbildern. Wen man sich als Vorbild sucht wird viel mit der eigenen, nicht zuletzt religiösen Überzeugung zu tun haben. Für mich kommt nur Jesus Christus in Frage, auch wenn es andere Personen gibt deren Vorbild ich viel zu verdanken habe.

Immanuel Kant
Der Königsberger Philosoph Immanuel Kant hat sich viele Gedanken über Ethik gemacht. Er versuchte, einen allgemeingültigen Satz zu formulieren, der aller Ethik zu jeder Zeit und an jedem Ort zugrunde liegt. Dieser Satz taucht in seinen Werken in verschiedenen Formulierungen auf und wird als kategorischer Imperativ bezeichnet. Eine Fassung lautet:

„Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.“ (Grundlegung zur Metaphysik der Sitten)

Man kann Menschen benutzen. Das kommt so häufig vor, dass wir es oft gar nicht mehr merken, wenn wir benutzt werden. Leiter benutzen Menschen um ihre Visionen zu erfüllen, Gemeindeglieder benutzen Leiter um sich ihrer eigenen geistlichen und menschlichen Verantwortung zu entziehen. Niemand will so behandelt werden und doch fällt es und schwer, andere nicht so zu behandeln. Wir wollen gerne um unserer selbst willen geliebt werden und nicht nur um unserer Kraft, unseres Wissen oder anderer Eigenschaften willen.
Wenn wir Aristoteles folgen und auf das Vorbild Jesu schauen, was sehen wir dann? Wie sieht er Menschen? Oft unterstellen wir Gott dieselben Motive wie sterblichen Menschen; wir glauben, dass wir aus einem bestimmten Grund errettet sind und Gottes Gnade gewissermaßen abarbeiten müssen. Das Gegenteil ist der Fall. Petrus schrieb über unseren Preis:

18 Ihr wisst doch, dass ihr freigekauft worden seid von dem sinn- und ziellosen Leben, das schon eure Vorfahren geführt hatten, und ihr wisst, was der Preis für diesen Loskauf war: nicht etwas Vergängliches wie Silber oder Gold, 19 sondern das kostbare Blut eines Opferlammes, an dem nicht der geringste Fehler oder Makel war – das Blut von Christus. (1.Petrus 1,18-19 nach der NGÜ)

Das Wort „kostbar“ bedeutet, dass Jesu Blut extrem wertvoll ist. Da Jesus weit und breit das einzige fehlerlose Opfer war, kann man sagen, dass sein Blut nicht einfach wertvoll war sondern einzigartig. Einen höheren oder auch nur anderen Preis hätte niemand entrichten können. Jesus selbst illustriert das im Lukasevangelium:

7 »Angenommen, einer von euch hat einen Knecht, der ihm den Acker bestellt oder das Vieh hütet. Wenn dieser Knecht vom Feld heimkommt, wird dann sein Herr etwa als Erstes zu ihm sagen: ›Komm und setz dich zu Tisch!‹? 8 Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: ›Mach mir das Abendessen, binde dir ´einen Schurz` um und bediene mich! Wenn ich mit Essen und Trinken fertig bin, kannst auch du essen und trinken.‹? 9 Und bedankt er sich hinterher bei dem Knecht dafür, dass dieser getan hat, was ihm aufgetragen war? 10 Wenn ihr also alles getan habt, was euch aufgetragen war, dann sollt auch ihr sagen: ›Wir sind Diener, weiter nichts; wir haben nur unsere Pflicht getan.‹« (Lukas 17,7-10 nach der NGÜ)

Selbst wenn wir alles richtig machen und alles tun, was uns aufgetragen ist, machen wir uns nicht für Gott bezahlt. Niemand kann sagen, dass Gott einen Gewinn an ihm macht. Das ist auch weder nötig noch gefordert, wir sind eher Liebhaberobjekte. Gott hat uns nicht zu einem bestimmten Zweck erkauft sondern einfach aus Liebe, weil er mit uns Gemeinschaft haben will.
Wir sollten Menschen ebenso behandeln: Um ihrer selbst willen. Als ich letztes Mal gepredigt habe, ging es um Sex und das ist ein gutes Beispiel. Man kann Beziehungen in jeder Richtung – und eben auch körperlich – so leben, dass der andere Mittel zum Zweck wird. Dann benutze ich den anderen damit meine Bedürfnisse erfüllt werden. Das ist keine moralisch gute Vorgehensweise, das Ziel sollte sein, den anderen um seiner selbst willen zu lieben. Für dieses Prinzip kann man, gerade im Bereich von Beziehungen, leicht Beispiele finden. Sind meine nichtchristlichen Freunde wirklich meine Freunde, oder benutze ich die Beziehung nur um sie mit Jesus bekannt zu machen? Führe ich Diskussionen mit Menschen um Recht zu behalten und mein Selbstvertrauen daran aufzubauen, oder weil ich mich für mein Gegenüber interessiere?

Natürlich ist damit nicht alles gesagt, was man über Ethik sagen kann. Es ist nicht einmal alles damit gesagt, was Aristoteles und Immanuel Kant darüber gesagt haben. Aber schon diese beiden Schlaglichter liefern eine Mengen Anregungen, sich über unseren Umgang mit Menschen Gedanken zu machen.

[2010-08-27 Ethik]

Durch Güte und Treue wird Schuld gesühnt, und in der Furcht des HERRN meidet man das Böse. (Sprüche 16,6 nach der Zürcher)

Dieser Ausspruch lässt sich besser von hinten auslegen als von vorn. Gottesfurcht bewahrt vor dem Bösen, denn „den HERRN fürchten heißt das Böse hassen“ (Sprüche 8,13 nach der Zürcher). Wer also in der Furcht des Herrn unterwegs ist, der wird seinen Mitmenschen nicht viel Böses tun und entsprechend sehr wenig zu sühnen haben.
Kommt es aber doch mal vor, dass man sich an jemandem versündigt hat, ist das nicht das Ende, denn es gibt eine Sühne. Dass Güte sich auch in Situationen positiv auswirkt, die man selbst verbockt hat, liegt nahe. Die Treue ist schon schwerer auszulegen. Treue existiert nicht im luftleeren Raum, man ist treu einem Menschen oder einer Idee gegenüber. Der Zusammenhang könnte hier sein, dass man einem Menschen leichter vergeben kann der sein Leben lang treu gehandelt als einem, der sich nur sich selbst verpflichtet fühlt. Eine andere Deutungsmöglichkeit die in den Sprüchen immer irgendwo mitschwingt, ist dass die Treue gegenüber Gott gemeint ist. An welche Treue man auch immer konkret denkt, in Gottes Reich ist Treue ein großer Faktor und eine sehr geschätzte Charaktereigenschaft.
Die Auslegung auf Treue gegenüber Gott hin ergibt auch besonders Sinn wenn man diesen Spruch zusammen mit dem nächsten liest. Manchmal ist es ja wirklich schwierig, die einzelnen Sentenzen auseinander zu reißen und vielleicht gehören 16,6 und 7 eigentlich zusammen.

[systematisch durch die Bibel]

In dieser Predigt möchte ich über drei Stellen reden die von Paulus handeln oder von ihm geschrieben wurden und die alle dasselbe aussagen, aber in ihren Nuancen etwas unterschiedlich sind. So hoffe ich ein ziemlich vollständiges Bild davon geben zu können, was es bedeutet, ein Vorbild zu sein.

1 Seid meine Nachahmer…

Ich schreibe das nicht, um euch zu beschämen, sondern um euch als meine geliebten Kinder zu mahnen. 15 Denn hättet ihr auch zehntausend Erzieher in Christus, so doch nicht viele Väter; denn in Christus Jesus habe ich euch durch das Evangelium gezeugt. 16 Darum ermahne ich euch: Seid meine Nachahmer! (1.Korinther 4,14-16 nach Herder)

Als ich diese Predigt vorbereitet habe hatte ich die Einheitsübersetzung im Kopf. Dort heißt es: Haltet euch an mein Vorbild. Vorbild zu sein, oder sich vorbildhaft zu verhalten, ist eine wichtige Sache unter Christen. Speziell Leitern wird es immer wieder empfohlen, sich so zu verhalten, dass es andere inspiriert, es einem gleichzutun. Auf dem letzten Freakstock habe ich das noch als Tipp gesagt bekommen: Verbringe viel Zeit im Gebet und andere werden dasselbe machen und die Gemeinde wird wachsen.
Auch wenn ich solche Ratschläge zu schätzen weiß, glaube ich dass sie nur bedingt stimmen. Ich glaube nicht, dass ein Vorbild automatisch dazu führt, dass jemand anders es nachahmt. Ich wüsste nicht, dass etwa jemand aufgehört Alkohol zu trinken oder zu rauchen nur weil ich nicht rauche. Umgekehrt sehe ich da eher einen Zusammenhang: Schlechte Vorbilder dienen anderen als moralische Rechtfertigung ihres eigenen Verhaltens und multiplizieren sich so. Ein gutes Vorbild wird nicht automatisch nachgeahmt.
Das sagt Apostel Paulus hier aber auch gar nicht. Er schärft es seinen geistlichen Kindern ein, ihn nachzuahmen. Die Aufforderung verschiebt sich damit deutlich. Es wird nicht mehr ein Vorbild gefragt sondern Nachahmung – der Fokus geht vom Meister auf die Jünger über.
So herum wird die Sache auch gleich viel logischer. Wir suchen uns jemanden, dessen Vorbild uns hilft. Ich selber mache das seit Jahren und Gott gibt mir immer wieder jemanden der mich inspiriert und von dem ich lernen will. Jemanden, der weiter ist als ich und wo ich mir denke, dass ich auch einmal so werden will. Nachahmer zu sein ist mehr als Fan zu sein. Ein Fan findet jemanden gut und kauft alles, was es an merch von diesem Menschen gibt, aber er ahmt ihn nicht nach. Ein Nachahmer ist mehr ein Schauspieler der sich in eine Rolle vertieft, sie studiert und dann in diese Rolle hineinschlüpft. Tatsächlich kommt das alte deutsche Wort „Mime“ von dem griechischen Wort das Paulus hier verwendet.
Der Apostel empfiehlt also, dass man ihn als Vorbild nimmt und ihn nachahmt.

2 …wie ich Christi Nachahmer bin

Seid meine Nachahmer, wie auch ich Christi Nachahmer bin. (1.Korinther 11,1 nach Herder)

Wenn es um diese Stellen geht hört man oft eine Frage, eher noch eine Aussage: „Ist es nicht fürchterlich arrogant sich hinzustellen und zu sagen, dass alle einem folgen sollen? Was denkt sich Paulus dabei, der muss ja ganz schön von sich selbst eingenommen gewesen sein!“ Ich habe das selbst oft gedacht, wenn ich die Paulusbriefe gelesen habe. Immerhin taucht das einige Male in den Briefen und mindestens einmal in der Apostelgeschichte auf.
Eigentlich ist es aber andersherum richtig. Wenn Du nicht sagen kannst, dass andere Deinem Vorbild folgen sollen, dann ist in Deinem Leben etwas falsch und Du solltest Dein Leben ändern. Jemand, der weiß, dass er auf einem gute Weg ist kann leicht sagen, dass andere seinem Vorbild folgen sollen. Wenn man das nicht sagen kann zeigt das, dass man selber unzufrieden ist mit dem eigenen Leben. Dann sollte man lieber nicht darauf verzichten ein Vorbild zu sein sondern sein Leben so ändern, dass es nachahmenswert ist!

Für Paulus gab es besonders einen Bereich in dem er Expertise erlangt hatte. Es war besonders dieser Bereich in dem er andere zur Nachfolge aufrief: Seine Christusnachfolge. Niemand sollte Paulus folgen weil er Paulus war. Man sollte ihm folgen weil er wiederum Christus folgte. Das zeigt auch gleichzeitig die Grenzen der Nachfolge auf. Es ging darum von jemand anderen zu lernen wie man mit Jesus lebt. Sobald Paulus selber angefangen hätte etwas anderes zu lehren oder einen anderen Weg gegangen wäre, würde sein Vorbild nutzlos. Er selber schrieb das mit drastischen Worten:

Aber selbst wenn wir oder ein Engel vom Himmel ein Evangelium verkündigte im Gegensatz zu dem, das wir euch verkündigt haben — verflucht sei er! 9 Wie wir schon früher gesagt haben, so sage ich es auch jetzt wieder: Wenn euch jemand ein Evangelium verkündet im Gegensatz zu dem, das ihr empfangen habt — verflucht sei er! (Galater 1,8 nach Herder)

Selbst wenn Paulus selbst oder ein anderer der Apostel seine Meinung geändert und ein anderes Evangelium gepredigt hätte, wäre er verflucht gewesen. Die Nachfolge einer Person hat also Grenzen und Paulus lehrte gewiss keinen Kadavergehorsam der bis in die Katastrophe führte. Wenn sich jemand von der guten Nachricht trennt, müssen wir uns von ihm trennen und ihm nicht weiter nachfolgen. Häufig spricht man von Unterordnung vergisst aber deren Grenzen aufzuzeigen.

3 Das Zeugnis für die draußen

Paulus entgegnete: Ich bin nicht von Sinnen, erlauchter Festus; die Worte, die ich rede, sind wahr und vernünftig. 26 Der König, vor dem ich so freimütig rede, weiß ja auch in diesen Dingen Bescheid. Denn ich kann nicht glauben, dass ihm etwas davon entgangen ist; die Sache hat sich ja nicht in einem entlegenen Winkel zugetragen. 27 König Agrippa, glaubst du den Propheten? Ich weiß, du glaubst. 28 Agrippa erwiderte Paulus: Fast überredest du mich, ein Christ zu werden. 29 Paulus erwiderte: Wollte Gott, dass über kurz oder lang nicht bloß du, sondern alle, die mich heute hören, das werden, was ich bin, diese Fesseln ausgenommen! (Apostelgeschichte 26,25-29 nach Herder)

Paulus war so überzeugt von Christus, dass nichts ihn davon abbringen konnte ihn zu predigen. Auch in Todesgefahr oder, wie hier, in einem Verhör, hört er nicht auf von Jesus zu reden. Es gehört eine Menge Mut dazu, in solchen Situationen immer noch zu dem zu stehen was man glaubt – gerade wenn es der eigene Glaube ist, der einen in diese Situation hineingebracht hat.
Im Unterschied zu den bisherigen Stellen sind es nun nicht mehr Christen, denen das Vorbild des Paulus gilt. Hier geht es um weltliche Autoritäten denen der Apostel wünscht, dass sie würden wie er – außer seiner Fesseln. Wir sollten ein Leben führen, das so aussieht, dass wir allen Menschen wünschen würden an unserer Stelle zu sein.
Offenbar ging etwas Faszinierendes von Paulus aus, so dass sogar jemand der Gewalt über ihn hatte sich ihm nicht entziehen konnte. Agrippa musste zugeben, dass Paulus etwas Überzeugendes hatte und dass es attraktiv erschien selbst Christ zu werden.
Wenn wir es nicht erleben, dass unser Glaube für die Menschen um uns herum attraktiv ist liegt das vielleicht daran, dass wir selber nicht von unserem Vorbild überzeugt sind. Wer an Gott und sich selbst glaubt, der wird anderen etwas zu geben haben.

[2010-01-01 Vorbild sein]

[Hier noch ein altes Handout, das sich auch mit diesem Thema beschäftigt]

Der HERR verabscheut jeden Hochmütigen. Die Hand darauf: Er bleibt nicht ungestraft. (Sprüche 16,5 nach der Zürcher)

Da Gott generell die Haltung des Hochmuts verabscheut muss es uns nicht wundern, dass sich Stellen mit ähnlicher Aussage auch im Neuen Testament finden. So etwa in Jakobus 4,6 und 1.Petrus 5,5. Hochmut ist eine Charakterschwäche die uns immun gegenüber Rat und Veränderung macht. Genau darum bleibt ein Hochmütiger nicht ungestraft. Das Leben selbst straft ihn. Er wird in die Irre gehen und auf niemanden hören, der es ihm sagt.
Im Grunde ist en gelingendes Leben sehr stark davon abhängig sich helfen und raten zu lassen. Ich hätte viel mehr Fehler begangen wenn ich nicht in entscheidenden Situationen von anderen gelernt hätte (s.a. Sprüche 11,14; 15,22 und 24,6).

[systematisch durch die Bibel]

Jonathan has started to translate the prayer-series into english. Thanks for that! The first translation can be found here. As always I am still looking for translators so if you like the „beauty of simplexity“,  speak english and would like to try out on a translation, please drop me a line via comment.

Der HERR hat alles für seinen Zweck erschaffen, so auch den Frevler für den Tag des Unheils. (Sprüche 16,4 nach der Zürcher)

Manche Sprichwörter sind eben – naja, Sprichwörter. Sie enthalten nicht immer die absolute Wahrheit über das Leben und müssen auch nicht immer als Grundlage für eine weitreichende Theologie verstanden werden. Mir ist klar, dass ich mit dieser Aussage unter Umständen ein ordentliches Fass aufmache, aber ich lese nirgendwo in den Sprüchen, dass sie von Gott diktiert sind und absolut immer völlig korrekt sein müssen. Sie zeigen sich im Gegenteil oft eher als Gedanken und Lehren über das Leben mit Gott.
Kurz gesagt: Ich glaube nicht, dass Gott den Frevler für den Tag des Unheils erschaffen hat. Das steht auch im Widerspruch zu vielen anderen Sprüchen die davon handeln, dass man kein Frevler bleiben muss sondern auch den Weg der Weisheit beschreiten kann. Das ist auch das vorherrschende Thema der Sprüche: Erziehung zur Weisheit, damit richtet sich das Buch aber gerade an Menschen, die nicht weise sind – so auch Frevler und Spötter.
Wer auf dem Weg bleibt, der wird sich nicht wundern müssen wenn er an einem Tag des Unheils aufwacht, das ist aber kein Schicksal oder auf Gottes Vorherbestimmung zurückzuführen, sondern ein Ergebnis seiner Entscheidungen.

[systematisch durch die Bibel]

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