Im letzten Post ging es unter anderem um Barths Ansicht, dass Humor zur theologischen Existenz gehört. Mit diesem Satz im Ohr habe ich mir das folgende Zitat herausgeschrieben, dass ich absolut lustig finde. Barth hat zuweilen eine witzige Selbstironie, die er hier unter Beweis stellt:

Wehe und Heil den Europäern und den Asiaten, den Amerikanern und den Afrikanern, Wehe und Heil den armen verkrampften Kommunisten und Wehe und Heil den noch ärmeren, weil noch verkrampfteren Antikommunisten – Wehe und Heil sogar uns ebenso selbstgerechten wie erwerbstüchtigen wie im tiefsten ängstlichen Schweizern mit unserer Milch und unseren Uhren, mit unserer Fremdenindustrie, mit unserer bornierten Ablehnung des Frauenstimmrechts und mit unserem etwas kindischen Begehren nach ein paar zünftigen Atomkanonen.1

Barth gehört zu einer Riege von Theologen, die sehr politisch sind und sich auch selbst als politisch empfinden. Ich wähle bewusst das Präsens, weil es sicher viele gibt, die sich so sehen. Bei Barth, Tillich und Bonhoeffer war das Politische augenfällig, wenn auch vielleicht durch ihre Lebensumstände erzwungen. Gerade Barth wird gerne von sozialdemokratischen Christen zitiert:

Entweder das ist Gott, was das Neue Testament so nennt. Dann bedeutet aber ‘Gott’ die Umkehrung nicht nur weniger, sondern aller Dinge, die Erneuerung der ganzen Welt, eine Veränderung des Baus, bei dem kein Stein auf dem anderen bleiben kann. Dann bedeutet Glauben das Einstehen für diese Umkehrung, die Vorbereitung darauf, das Rechnen damit als mit der sichersten Tatsache. Dann haben aber die Sozialdemokraten recht und nicht die Sozialreformer, ja dann sind die radikalsten Sozialdemokraten noch nicht radikal genug, dann ist das Bekenntnis zur Sozialdemokratie nur eine kleine, selbstverständliche, sehr ungenügende, ärmliche und vorläufige Abschlagszahlung auf das, was ein ‘Christ’ heute seinem Glauben schuldig ist.2

Vor diesem Hintergrund sind politische Seitenhiebe auf schweizer Spießigkeit, das Frauenwahlrecht und Atombomben mehr als nur eine Marginalie in einer Vorlesung. Ich selber bin, was Parteipolitik angeht, enttäuscht und resigniert. Dennoch sehe ich einen politische Verantwortlichkeit, die wir als Christen haben. Im Grunde ist die Frage, ob man die Botschaft von Gottes Reich überhaupt unpolitisch leben kann? In dem Maße in dem wir Einfluss auf die Gesellschaft nehmen und sie mit unseren Idealen prägen, betätigen wir uns bereits politisch. Da Politik einen wichtigen Einfluss auf eine Stadt und die ganze Gesellschaft hat ist es darüber hinaus wünschenswert, dass wir uns auch dort einmischen. Wie das praktisch aussieht weiß ich auch nicht, aber ich spüre derlei Gedanken immer mehr in mir aufkeimen. Beispiele für politisch engagierte Christen gibt es zwar viele, ich möchte aber keine nennen um die Diskussion nicht auf ein Schlachtfeld zu führen, auf das ich nicht hinauswill.

Mit einigem Zögern gebe ich noch einen Linktipp: hier geht es zur Seite des Bundes der Religiösen Sozialistinnen und Sozialisten Deutschlands e.V., auch wenn dieser Bund vermutlich zu neu ist um mit Barth direkt assoziiert gewesen sein zu können, hätte es ihn vielleicht gefreut, diesen Link unter einem Artikel über sich zu sehen.

[mehr über Karl Barth]

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  1. Barth, Karl (1985): Einführung in die evangelische Theologie. 3. Aufl. Zürich: Theolog. Verl, S. 88–89 []
  2. so 1919. Quelle: http://www.brsd.de/zeitschrift-cus/artikel/44-sozialismus-und-christentum-am-ende-des-zweiten-und-zu-beginn-des-dritten-jahrtausends []

4 Kommentare

  1. Den Bund gab es schon zu Zeiten der Weimarer Republik. Hab gerade mal den Abschnitt über Barth in Manfred Böhms „Gottes Reich und Gesellschaftsveränderung: Traditionen einer befreienden Theologie im Spätwerk von Leonhard Ragaz“ gelesen. Nach Böhm ist Barth seinen späteren Äußerungen skeptisch gegenüber der Möglichkeit einer von Menschen ausgehenden positiven Gesellschaftsveränderung geworden und sieht die Rolle des Christen vorrangig in der Kritik des Bestehenden gemessen am göttlichen Ideal, auch wenn er praktisch in der Sozialdemokratie tätig war.

    Andere religiöse Sozialisten, wie sie meines Wissens auch im BRSD aktiv waren, hatten sicher eine positivere Sichtweise auf die Möglichkeiten eines menschlich herbeigeführten „realen Sozialismus“ und von daher auch eine größere Nähe zu den sozialistischen Parteien ihrer Zeit inklusive der Sozialdemokratie, die ja zumindest theoretisch noch auf dem Boden des Marxismus stand.

  2. danke für die info, da habe ich gar nicht nachgeforscht. weiß auch nicht wieso, immerhin macht die spd für sich ja wurzeln aus dem 19.jhd geltend. da hätte man schon darauf kommen können, dass ein solcher bund nicht unbedingt neu sein muss.

    aber der buchtitel klingt interessant. ich schreibe gerade über gesellschaftsveränderung. könntest du mir mal ein paar stichpunkte geben, worum es in dem buch geht?

  3. also das ist ewig her, seit ich das gelesen habe und ich meine, ich wäre auch nie bis zum ende gekommen. es geht eben um den evangelischen religiösen sozialisten leonhard ragaz und darum, welche impulse seine theologie für eine europäische theologie der befreiung geben könnte (das buch ist von 1988).

    wenn du dich dafür interessierst, schicke ich es dir gerne.

  4. sorry, unser router war nach einem gewitter kaputt und ich konnte nur über handy ins netz, was quälend ist… deswegen habe ich lange nichts mehr beantwortet.

    ich würde das buch zwar gerne lesen, aber es ist unrealistisch, dass ich es tue. von daher danke für das angebot, aber ich lese das buch eh nicht. ich fand nur den titel sehr interessant.

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