Vor einigen Tagen schrieb ich schon einmal über einen Text von Wolfhart Pannenberg. Heute kommt noch ein Post zu dem, was er für die „Krise des Schriftprinzips“ hält oder hielt. Pannenberg schreibt:

Die „Sache“ der Schrift, die Luther im Sinne hatte, nämlich Person und Geschichte Jesu, ist für unser historisches Bewußtsein nicht mehr in den Texten selbst zu finden, sondern muß hinter ihnen erschlos¬sen werden. Dadurch ist für die Theologie die Frage entstanden, was nun eigentlich als theologisch maßgeblich zu gelten hat, die biblischen Texte oder die hinter ihnen zu erschließende Geschichte. (Seite 15-16)

Ich frage mich, ob das nicht etwas zu dramatisch dargestellt ist. So groß sehe ich die theologischen Unterschiede gar nicht. Ich meine, dass sich da in der universitären Theologie eine Denkweise oder Anschauung herausgebildet hat, die sich allzu leicht von der biblischen Offenbarung entfernt. Es ist immer noch möglich, die Bibel als Ganzes, aus einem Guss zu verstehen, aber das ist in theologischen Fachkreisen nicht mehr kommod. Viele Widersprüche und Verständnisschwierigkeiten habe ich nicht einmal gesehen als man sie mir gezeigt hat. Insgesamt gehe ich davon aus das wir – abgesehen von einigen offensichtlichen Unklarheiten, z.B. der genauen Abfolge der Ereignisse um die Kreuzigung – einen genauen Bericht über Jesus haben. Manchmal muss man etwas zwischen den Zeilen lesen oder unterschiedliche Berichte harmonisieren, aber im Großen und Ganzen suche ich keine Geschichte hinter der Geschichte sondern bin mit dem überlieferten Text sehr zufrieden.

Später auf Seite 16 beobachtet Pannenberg einen interessanten Gegensatz in dieser Frage:

Die Leben-Jesu-Forschung des 19. Jh. stellte sich auf den Boden der Geschichte Jesu, verlor dabei aber deren Zusammenhang mit der Christusbotschaft der Apostel aus dem Blick. Daher hat im Gegenschlag die kerygmatische Theologie unseres Jahrhunderts die historische Rückfrage für theologisch gleichgültig und nur die Texte in ihrem Zeugnischarakter für theologisch verbindlich erklärt.

Zur Erklärung für Nich-Theologen: Kerygma ist griechisch und bedeutet „Verkündigung“. Es geht darum, dass Christus in der Verkündigung der Kirche lebt und dass die Frage, ob er tatsächlich – als historische Tatsache – auferstanden ist, zweitrangig ist. Hier zeigt sich letztlich, wie destruktiv sich Extreme auswirken können. Warum muss man sich unbedingt entscheiden, wenn es möglich wäre, eine angenehme Mitte zu besetzen und so vielleicht zu einer viel jesusmäßigeren und dennoch biblischen Theologie zu gelangen? Wenn man erst einmal davon ausgeht, dass die biblischen Texte keine genaue Überlieferung des Lebens Jesu darstellen muss man natürlich das ganze Christentum auf einen anderen Boden stellen. Aber ich sehe nach wie vor keinen Grund dafür, an einer tatsächlichen Auferstehung zu zweifeln.
Eine zweite Kluft stellt die Gedankenwelt des NT zur heutigen Sicht der Welt dar. Will man verstehen, was die Texte des NT ursprünglich gemeint haben, stößt man schnell auf das Problem, dass wir sie heute ganz anders verstehen, als damalige Leser sie verstanden haben. Ist diese Kluft „ einmal in ihrer Tiefe bewußt geworden, so kann sich keine Theologie mehr im naiven Sinne als „biblisch“ verstehen, als ob sie inhaltlich identisch sein könnte mit den Auffassungen des Paulus oder des Johannes.“ (Seite 17) „In veränderter Situation besagen die gleichen Formulierungen, selbst wenn sie wörtlich rezitiert würden, nicht mehr dasselbe wie zur Zeit ihrer Entstehung.“
Ich meine, dass gerade hierin ja die Aufgabe der Theologie und noch mehr der PredigerInnen besteht, dass wir erst den Sinn herausbekommen, den die Texte früher hatten (Theologie) und ihn dann so predigen, dass man ihn heute leben kann (Homiletik). Das war nie anders, auch nicht zu Zeiten der Reformation, auch wenn man das Problem da vielleicht noch nicht als dringend wahrgenommen hat. Von daher würde ich auch da nicht von einer „Krise des Schriftprinzips“ sprechen. Es ist eine Herausforderung der sich jede Generation von Christen, egal ob sie sich Theologen nennen oder nicht, zu stellen hat. Es ist allerdings schon einmal eine gute Sache, sich dieser historischen Distanz bewusst zu sein. Es war noch nie hilfreich, die eigene Erkenntnis mit Gottes Wort gleichzusetzen und zu behaupten, dass man nur das reine Wort predigt!

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