Der jüdische Religionswissenschaftler, Pinchas Lapide, bemerkte etwas Interessantes über die Wirkung der Auferstehung auf die Jünger:

[…] Anders bei den Jesusjüngern an jenem Ostersonntag. Allen legendären Verschönerungen zum  Trotz bleibt in den ältesten Berichten ein erkennbar historischer Kern übrig, der sich einfach nicht entmythologisieren lässt. Wenn diese aufgescheuchte, verängstigte Apostelschar, die eben dabei war, alles wegzuwerfen, um in heller Verzweiflung nach Galliläa zu flüchten; wenn diese Bauern, Hirten und Fischer, die ihren Meister verrieten, verleugneten und kläglich versagten, plötzlich über Nacht sich in eine selbstsichere und heilsbewusste, überzeugte Missionsgesellschaft verwandeln konnten, so genügt keine Vision oder Halluzination, um solch einen revolutionären Umschlag zu erklären. Für eine Sekte, eine Schule oder einen Orden hätte vielleicht eine Einzelvision genügt – nicht aber für eine Weltreligion, die dank dem Osterglauben das Abendland erobern konnte.1

Ich kenne von Lapide im Grunde nur eine handvoll Zitate, die mich aber immer wieder nachdenklich machen. Hat ihn jemand gelesen und kann mir sagen, wieso er kein Christ geworden ist? Ich verstehe irgendwie nicht, wie jemand an die Auferstehung Jesu als historischem Fakt glauben kann und dann trotzdem noch Jude bleibt. Im Grunde ist doch der größte Unterschied zwischen Juden und Christen, dass wir glauben, dass der Erlöser schon gekommen ist und die Juden noch auf ihn warten. Wie kann man an die Auferstehung glauben und gleichzeitig davon ausgehen, dass Jesus nicht der versprochene Retter ist?

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  1. Nach McDowell, Josh (1995): Jesus von Nazareth. Neuhausen-Stuttgart: Hänssler, S. 572 []

19 Kommentare

  1. Hallo storch!

    Danke für das Zitat von Pinchas Lapide, das mir noch gar nicht bekannt war. Lapide bringt hier ein sehr gewichtiges Argument vor, das von religionskritischer Seite immer und immer wieder ignoriert wurde und wird:

    So z.B. von Gerd Lüdemann, der die rasche Verbreitung des Osterglaubens schlichtweg auf so etwas wie eine Massenvision zurückführt – und damit, seinem eigenen Wissenschafts“ethos“ völlig zum trotz, auf ein Phänomen verweist, das es weder der Psychologie, noch anderen relevanten Wissenschaftensbereichen zufolge überhaupt gibt. Klaus Berger war einer der wenigen prominenteren Stimmen, die darauf hingewiesen haben – es waren zu wenige Stimmen, denn die Lüdemannsche Behauptung ist mittlerweile zu so etwas wie dem unhinterfragten Credo atheistischer Möchtegern-Historiker geworden.

    Die Frage, warum Pinchas Lapide nie Christ geworden ist, habe ich mir auch schon oft gestellt. Ich kann mir dafür eigentlich nur zwei Gründe denken (die Frage bleibt dennoch): Erstens kann man natürlich Argumente z.B. pro Auferstehung zusammentragen – aber zum Glauben kommt man eben doch nicht allein aufgrund rein rationaler Erkenntnis. Zweitens und wichtiger gilt, daß selbst der Glaube an die Auferstehung des Menschen Jesu von Nazareth für Juden schlichtweg nicht als hinreichender Hinweis auf seine Messianität dienen könnte, zumal dieser aus jüdischer Perspektive ja oft auch weitere neutestamentliche Eigenheiten entgegenstehen.

  2. Ich finde generell die religionskritischen Stimmen wenig überzeugend. weder diejenigen die behaupten, dass das NT unzuverlässig ist (ohne das je zu beweisen), noch diejenigen, die versuchen mit psychologie die damaligen ereignisse weg zu erklären. naja, nicht sein kann, was nicht sein darf.

    zu lapide: erst gestern oder vorgestern las ich in justins „dialog mit dem juden tryphon“ ein argument, das wohl immer noch gilt. sinngemäß sagte tryphon, dass er nicht an einen messias glauben würde, der nicht in herrlichkeit kommt. darauf folgt die typische apologie, die scheinbar juden bis heute nicht überzeugt: dass christus zweimal kommt, er leidensfähig ist usw. für mich ist das vollkommen einleuchtend: das zweite kommen erfüllt die prophetien, die das erste kommen nicht erfüllt hat. für juden ist das wohl nicht so einleuchtend.
    ob lapide das auch so sah weiss ich natürlich nicht.

  3. Hallo Storch,

    ich habe das Buch, aus dem du zitierst.
    Lapide glaubt an Auferstehung ganz generell und für ihn ist die Auferstehung Jesu auch nicht die einzige im Judentum.
    Daher ist die Auferstehung Jesu auch kein Grund für ihn, an die Göttlichkeit Jesu zu glauben.

    Für ihn ist Jesus einfach ein Jude.

  4. Herzlich willkommen, Daniel.

    interessante Information, aber ich habe noch nie von einer anderen Auferstehung gehört. Natürlich von Auferweckungen im AT, aber nie wie bei Jesus, dass jemand einfach zurückgekommen ist. Wißt Du, worauf Lapide sich da bezieht?

  5. was meinst du mit einfach zurückgekommen? Also ohne Wundertäter als Mittler?

    Lapide nennt drei Auferweckungen durch Propheten im AT (Elia, Elisa). Außerdem kommen im nachbiblisch-rabbinischen Schrifttum einige Wiederbelebungen vor.

    Außerdem weist Lapide auf die allgemeine Auferstehung der Toten hin: Hiob 19,25-27; Hos 6,1-2 (am dritten Tag!); Ez 37,11-14; Dan 12,2.13.

    Die Gerechtigkeit Gottes, der neue Himmel und die neue Erde legen auch für die Juden den grundsätzlichen Glauben an Auferstehung nahe.
    Es ist ja auch bekannt, dass Sadduzäer und Pharisäer sich darum stritten, ob es eine Auferstehung gebe (Apg 23,6-8).

    Von daher ist es für einen Juden nichts unerhörtes, an eine (auch konkrete) Auferstehung zu glauben. Aber an den Sohn Gottes glaubt er daher eben noch nicht.

  6. Genau das meinte ich. Ist ja schon was anderes, ob ein Wunder geschieht und jemand wird durch Gebet oder eine andere Methode geheilt oder steht von den Toten auf, oder ob er selbst wiederkommt. Ich halte Jesus da für einzigartig.

    Die Frage des ewigen Lebens im Judentum und spez. im AT finde ich sehr interessant und habe sie nie verstanden. Ausgehend von Streit der Sadduzäer und Pharisäer in den Jesus sich eingeschaltet hat, habe ich mal in Kommentaren die Argumente nachgelesen. Denen zufolge stand die Auslegung der Pharisäer, dass es ein ewiges Leben und eine Auferstehung der Toten gibt, auf schwachen Füßen. Auch Jesu Argumentation, dass „Gott kein Gott der Toten“ ist, finde ich nach modernen hermeneutischen Kriterien nicht wirklich zwingend.
    Sie wird zwingend, weil Jesus das gesagt hat, aber von einem anderen Rabbi hätte mich das nciht überzeugt. Ich finde, dass das AT eine sonderbare Haltung in dieser Frage vertritt.

  7. Ich hab‘ mich auch schon immer gefragt, warum Lapide nicht Christ geworden ist… zumindest zeigt aber alles, was er schreibt, wie nahe das Christentum in seinen Wurzeln dem Judentum ist – und wie wichtig wir die Jüdischkeit unseres Glaubens nehmen müssen… ich meine, wir verstehen das NT überhaupt erst richtig, wenn wir es von vorne her lesen, also Jesus eingebettet in den jüdischen Rahmen, und auch die Schriften von Paulus vor dem Hintergrund jüdischer Auslegungsgeschichte wahrnehmen (er war immerhin nicht griechischer Philosoph, sondern vielmehr voll ausgebildeter Rabbi einer bestimmten Schule!)… tun wir das nicht, bleiben wir bei dem stecken, was K. Barth „Religion“ nannte!

  8. Naja, selbst die größte Hochschätzung des Alten Testaments und jüdischer Exegese würde nicht automatisch davor bewahren, daß das Christentum zur „Religion“ im Barthschen Sinne wird – die Religionskritik Barths hat (sofern der Kaffee schon seine Wirkung getan hat und ich nicht noch schlafe) an einer ganz anderen Stelle ihren Ausgangspunkt und ihre Spitze.

    Aber richtig ist, daß das Alte Testament zwingend zur Grundlage des christlichen Glaubens gehört – auch, wenn man das trotz Marcion und Co. immer wieder vergessen hat und vergißt, regelmäßig quer durch alle Konfessionen und Frömmigkeitsstile hindurch.

  9. stimmt… leider… aber es ist imho schon recht hilfreich, von den jüdischen wurzeln her zu denken… bewahrt vor mancher häresie… und natürlich hat barths kritik einenanderen ausgangspunkt, aber ich finde, dass er da etwas so grundlegendes gesagt hat, dass man das getrost übertragen kann… ;-))

  10. Barth habe ich nicht wirklich gelesen. Was ist denn seine Kritik an der „Religion“? ich weiß nur, dass er eben einen Unterschied/Widerspruch zwischen dem christlichen Glauben und Religion sah. Aus dem Zusammenhang in dem ich das gelesen habe, deutete ich das so, wie es man es auch sonst oft unterscheidet: lebendige Beziehung kontra Regeln.

  11. grob gesagt: ja…

  12. @storch:

    Jein – um es ganz knapp und natürlich nicht vollständig zu beschreiben: „Religion“ ist bei Barth diejenige Form von Glaube, die Gott nicht mehr Gott sein läßt. Dabei gilt Christus als „die Grenze der Religion“ – weil in Christus sichtbar wird, wer Gott wahrhaft und was der Mensch wirklich ist.

    Es geht also im Grunde um Röm 1,24f. Wie diese Verwechslung von Schöpfer und Geschöpf sich jeweils ausdrückt, ist dabei zweitrangig. Klar ist für Barth aber, daß eben auch das Christentum zur Religion verkommen kann (ähnlich bei Bonhoeffer). Der von Dir angesprochene Gegensatz von „lebendige Beziehung“ vs. „Regeln“ kann natürlich ein konkreter Ausdruck davon sein.

  13. interessant, da fallen einem gleich ein paar weitere konretisierungen ein, die nicht so augenfällig sind. ich habe mir schon lange mal vorgenommen barth zu lesen. mal sehen, was daraus wird.
    kennt ihr eine gute einführung in sein denken? ich würde mich ungern gleich durch diesen riesigen werkekorpus durchwühlen, den er hinterlassen hat…

  14. Wenn Du Barth direkt lesen willst (was immer besser, wenn auch etwas anstrengender ist als Lektüre über Barth), dann wäre z.B. „Einführung in die evangelische Theologie“ von 1962 ein sehr guter Einstieg. Das hat den Vorteil, auch den späten Barth kennenzulernen, darüber hinaus sind es nur gut 200 Seiten, die sozusagen so etwas wie die KD in Kompaktform bieten und zugleich einen schönen Anreiz darstellen, tiefer in Barths Werk einzusteigen.

    In Sachen Sekundärliteratur ist Eberhard Busch so etwas wie die Referenz: „Karl Barth – Einblicke in seine Theologie“. Relativ neu ist von Michael Trowitzsch „Karl Barth heute“ – das kenne ich noch nicht, habe aber schon viel Gutes darüber gehört.

  15. danke für die Tipps. Bücher sind so gut wie gekauft und ich nehme sie in den nächsten Urlaub mit. dauert dann noch mit dem Lesen 🙁

  16. Ich wünsche dann beizeiten eine erquickliche Lektüre! 🙂

  17. das wünsch‘ ich auch…

  18. Ich habe doch schon mit dem Busch angefangen. Sehr anregend, ich freue mich auf die „einführung“. hatte beim lesen den eindruck, dass mir barth sehr gefallen wird, es gibt immer wieder mal einen theologen bei dem ich das gefühl habe, dass er mir aus der seele spricht. oft ist das gerade am ende einer phase in der ich mich mit einem thema besonders beschäftigt habe. ich kann mir gut vorstellen, dass barth so jemand ist.

  19. Freut mich sehr, storch!

    Ich finde Barth auch immer wieder erfrischend, und man kann sich so richtig schön an ihm abarbeiten. Das ist so eine Lektüre, zu der man immer wieder zurückkommt, finde ich.

    Weiterhin viel Freude daran!

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