29. März 2006 16

Bruder Lorenz

Wieder einmal eine Buchbesprechung.
Ich habe die letzte Woche ein kleines Büchlein aus dem späten 18.Jahrhundert gelesen: Bruder Lorenz, Allzeit in Gottes Gegenwart. Die Sammlung ist 1785 erschienen, die Originaltexte sind allerdings älter, sie stammen aus der Zeit von 1660-1690. Bruder Lorenz war Laienbruder und hatte sich ganz der Gegebwart und Liebe Gottes verschrieben. Alles was er tat, und sei es nur einen Strohhalm in der Küche aufzuheben, tat er aus Liebe zu Jesus. Er war dafür bekannt, ständig in der bewussten Gegenwart Gottes zu leben.
Dabei war seine Übung für das damalige Klosterleben ungewöhnlich: er dachte einfach ständig und unentwegt an Gott und pries ihn in seinem Herzen für seine Liebe. Diese Übung entwickelte mit der Zeit eine Eigendynamik in ihm und so stellte er fest, dass Gott ihn immer wieder zu sich zog, sobald er sich einmal von ihm entfernte.
Bruder Lorenz ist ein Mystiker gewesen, wenn auch ganz anders als die bekannten Mystiker, die auch allesamt älter sind als er. Im Gegensatz zu den anderen hatte er keine grossen und seltsamen Visionen, er war ein schlichter Mann, der einfache Briefe schrieb und ganz von Gottes Liebe durchdrungen war. Seine Aufzeichnungen wirken nicht besonders spirituell obwohl das ganze Leben des armen Bruders eine enorme Geistlichkeit ausstrahlt.

Ich habe Bruder Lorenz gerne gelesen weil er – wie fast alle, die auf dem inneren Weg unterwegs sind – ein gesundes Gegengewicht bietet zu manchem, was man in der modernen Theologie zu lesen bekommt. Ich bin selber sehr glaubensbewegt und komme aus der charismatischen Ecke, so darf ich etwas kritisches über diese Bewgungen sagen: oft kommt es mir vor, als würden wir die Gaben über den Geber lieben. Es geht uns viel darum was Jesus für uns getan hat und was wir noch alles von ihm bekommen können. Ständig ist die Rede von Segnungen hier und da, mit denen Gott uns noch beschenken möchte: Wohlstand, Gesundheit, Erfolg, ein langes Leben, Selbstverwirklichung – das ist für viele das Christsein. In allem habe ich gerade mal eine leise Stimme gehört, die sagt, dass wir Gott um seiner selbst willen lieben sollen und nicht um dessen willen, was er geben kann. Das war in den 90ern Joseph Hedgecock.
Bruder Lorenz ist anders. Es ging ihm nicht um Geld und Wohlstand, er hatte ohnehin ein Armutsgelübde abgelegt. Es ging ihm auch nicht um Gesundheit, im Gegenteil, Krankheit war ihm eine Gabe Gottes um den Charakter zu bessern. Er suchte kein besseres, einfacheres Leben sondern in allem und durch alles immer wieder nur Gott.
Über seine Theologie lässt sich also streiten, über seine Motive nicht. Ich denke, dass viele von uns nur deshalb bei Gott sind, weil sie etwas von Gott erwarten. Viele Christen sind wie die Menschen zu Jesu Zeiten: für sie ist Jesus der Wunderonkel, der heilt und beschenkt. Da wünsche ich mir mehr und mehr Menschen wie Bruder Lorenz, die Gott einfach nur lieben und denen alles andere gleichgültig ist!

Mit Bruder Lorenz beschäftigen sich auch die Posts „Nachjagen – Hebräer 12,14“ und „Sprachverschlag

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13 Kommentare

  1. yay, wir erkennen große musik, wenn wir sie hören!

    buch ist bestellt. nicht dass ichs schon ergriffen hätte …

    im zusammenhang verweise ich gerne auf ‚nach dem amen bete weiter. im alltag mit jesus unterwegs.‘ von hans peter royer.

    der erwähnt im verlauf seines buches auch irgend n mystiker. mystich mal zu hause nachschauen, welchen.

  2. jawollja. royer zitiert aus dem buch ‚practicing his presence‘ von brother lawrence. (was mir sehr nach lorenz und laurentius klingt …)

    „weißt du, was die höchste form des lebens ist? es gibt kein anderes leben auf dieser welt, das so süß und erfrischend ist, wie ein leben in der ständigen gegenwart gottes.
    ich möchte jedoch hinzufügen, dass du diese gegenwart nicht deshalb suchst, weil sie ’süß und erfrischend‘ ist. es ist nicht die freude an sich, die wir suchen. diese übung soll nur aus einer einzigen motivation bestehen: weil wir den herrn lieben. […]“

    erinnert mich stark an meine jahresaufgabe. danke!

  3. Was heißt hier alle Mystiker wären älter als Bruder Lorenz?
    Was ist mit Teilhard de Chardin, was ist mit Edith Stein oder Karl Rahner?
    Aber auf was für einen Trip bist Du grade? Als ich vor Jaaahren was von Teresa von Avila und Johannes vom Kreuz erzählt hab, war das für die Freaks alles Mumpitz, viel zu katholisch (was Leuten, die vor 1517 und nicht grade in Russland oder Griechenland lebten, nich wirklich vorgeworfen werden kann. Da war selbst Luther noch katholisch.) und viel zu alt und nicht Massen tauglich.
    LG Ine

  4. ich meinte mystik als epoche, nicht als spirituelle richtung. wobei es sicherlich nicht ganz exakt ist von ihr als epoche zu reden. natürlich gibt es auch heute mystiker und hat sie immer gegeben.

    habe im zug drüber nachgedacht, ob es eine zeit in meinem leben gab, in der ich nichts „katholisches“ gelesen habe. glaube fast, es gab keine. in der diskussion ging es ja seinerzeit auch nur um einen theologischen aspekt, nämlich taufe. und da sehe ich tatsächlich ignatius von loyola nicht als autorität an der ich folgen würde. sicherlich auch nicht luther, der an dem punkt bemerkenswert (und politisch nachvollziehbar) inkonsequent war. dennoch liegen loyolas „geistliche übungen“ gerade wieder recht weit oben in meiner leseliste.

  5. Hä! Nein, das mit der Taufe war mein letztes Gespräch was ich mit Dir in KS geführt habe. Das Gespräch was ich meine war im Zuge der „Krisensitzung-Köln“. Naja, ist ja auch ziemlich wurscht. Das Thema Freaks ist spätesten seit deiner letzten Mail bei mir endgültig durch. Die war der letzte Anstoß den ich wohl gebraucht hab, da die Gespräche mit Tobias ja auch ziemlich unfruchtbar waren. Mystik als Epoche zu sehen dehnt den Zeitraum von 563 v. Chr. bis 2006 n. Chr., was mir recht unübersichtlich erscheint und ich hab auch nie behauptet man sollte Loyola oder anderen Mitgliedern der SJ uneingeschränkte Autoriät zu sprechen. Schon garnicht, wenn man in einer ev. Freikirche sitzt, schließlich ist er der Gegenreformator. Ich halte es jedoch für essentiell sich mit verschiedenen Traditionen und Gedanken innerhalb der Kirche auseinander zu setzten und offen für die dort enthalten Impulse zu sein. Diese Offenheit ist bei einzelnen Leuten bei den JF vielleicht da, aber am Schluß doch zu gruselig bei den Kölnern. Also hab ich den Rückzug angetreten und wieder bei der Alten Tante an der Tür gekratzt.

  6. dann hoffe ich, dass die alte tante dich einlässt und dass es dir da besser gefällt. wobei ich doch meine beobachtet zu haben, dass sie sich gegenüber anderen richtungen noch erheblich unbeweglicher verhält, als wir uns ihr gegenüber – ist halt eine *alte* tante 🙂

  7. Naja, ich hab den Mitgliedsausweis, totz guten Zuredens, ja nie in den Rhein geschmissen 😉 und schließlich war sie ja auch da, wie es mir nicht so gut ging.

  8. Lieber Storch,

    ich habe als freiberuflicher Lektor Deinen Artikel in David Schäfers Buch „Die jungen Wilden“ lektoriert, wenn ich mich recht entsinne; war früher mal Redakteur im Bundes-Verlag in Cuxhaven. Der Grund meiner Reaktion ist aber ein anderer: Wir haben die Restex. von Bruder Lorenz, Allzeit in Gottes Gegenwart vom Ernst Franz Verlag übernommen und inzwischen auch schon neu aufgelegt. Wenn DU also einen Link zu unserer Verlagsseite o. dem Titel mit der ISBN 3-937896-20-1 bei Amazon setzen willst, wäre das nett.

    Herzliche Grüße,

    David Neufeld

  9. hi david,

    da verwechselst du mich. ich habe an dem buch nicht mitgeschrieben. für jesus freaks war mirko dabei.
    aber danke für die ISBN, wenn ich es mal wieder weiterempfehle weiss ich, dass es lieferbar ist.

    grüsse und segen für eure verlagsarbeit,

    storch

  10. Eine gelungene Buchbesprechung, die den Kern trifft – Übung in der Gegenwart Gottes.
    Im Zusammenhang mit dem Leben von Bruder Lorenz gibt es unter der Seite http://www.arbeiter-im-weinberg.de/Arbeiter/Bruder Lorenz/Seelsorge einen interessanten Artikel von Stuart Checkley:
    „Wie man von der Stimme der Selbstanklage frei wird“ – ein seelsorgerlicher Artikel, der mehr oder weniger jeden Christen angeht.

  11. Guten Tag Siegfried,

    tut mir leid, dass ich den Kommentar erst eben frei geschaltet habe. Ist mir irgendwie durchgegangen.
    Schön, dass das kleine Buch von Bruder Lorenz immer noch Leser findet. es ist zu Recht ein Klassiker.

  12. Hey Storch, habe das Buch gerade „Leben in Gottes Gegenwart ( Bruder Lorenz) gerade in die Finger gekriegt und bin echt begeister und inspiriert. Habe ein bischen gegoogelt und deine Beprechung gefunden…lustig so liest mal wieder was voneinander.
    Grüsse für dich und Alex hier aus dem Süden. Hoffe euch geht es gut!

  13. Ja, uns geht es gut. Danke der Nachfrage. Wir haben uns ja echt ewig nicht mehr gesehen. Ich wünsche Euch alles Gute!

3 Pingbacks

  1. […] ach, und hallo bruder lauretius – da bist Du ja wieder! hab mich lange nicht sehen lassen … […]

  2. […] begleitet mich seit mehreren Jahren. Neuerdings hat es auch der Storch entdeckt, auf dessen Eintrag ich Interessierte verweise. Die englische Fassung findet man […]

  3. […] [Originalpost] […]

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