Das ganze erste Kapitel des Epheserbriefes handelt von Gebet. Genauer gesagt, es ist ein Gebet, das Paulus für die Christen in Ephesus betet. Damals haben die Christen anders gebetet – wenn ich dieses und andere Gebete im NT mit der Art vergleiche, wie wir heute beten, dann finde ich mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten: wir beten für gutes Wetter, Jesus hat den Sturm gestillt; wir beten, dass XY Jesus kennen lernt, die Apostel haben gebetet, dass Gott ihnen eine „Tür des Wortes öffnet“, damit sie das Evangelium predigen können.
Vieles vom Gebetsleben der ersten Christen zeigt, dass sie genau wussten, was Gott will und voller Freimut genau das in Existenz gebetet haben. Da ist wenig Unsicherheit und viel Freiheit zu spüren. Aber man merkt auch immer wieder, dass sie wussten, dass auch sie selber eine Rolle zu spielen hatten wenn es darum geht, Gottes Reich zu bauen. Beides, das Wissen darum, was Gott tun will und wer er ist, und das Wissen darum, dass Menschen an Gottes Reich mitbauen müssen, ist wunderbar in einem Vers komprimiert: Epheser 1,17.

Der Gott Jesu Christi, unseres Herrn, der Vater der Herrlichkeit, gebe euch den Geist der Weisheit und Offenbarung, damit ihr ihn erkennt. (Epheser 1,17 nach der Einheitsübersetzung)

Offenbarung, manche sagen „Erkenntnis“, heißt, etwas verstanden zu haben. Nicht nur oberflächlich, sondern richtig tief. Es bedeutet, dass Gott selbst uns etwas erklärt hat. Weisheit ist dagegen die Fähigkeit, sinnvoll einzusetzen, was man erkannt hat. Ohne Weisheit wird man also mit seiner Erkenntnis nicht allzu viel anfangen können.
Ich habe mich immer sehr nach Erkenntnis gesehnt. Seit ich Christ bin bete ich immerzu darum, mehr von Gott zu erkennen. Ich will mehr verstehen, wer er ist und ich will mehr begreifen, wer ich in ihm bin. Beides kommt auch in den Gebeten im Epheserbrief vor. Ich bin sicher, dass diese beiden „Sachen“ das wichtigste sind, was wir als Christen kapieren können. Wenn wir das drauf haben, dann haben wir mehr als die halbe Miete. Du musst einfach wissen, wer Dein Gott ist und Du musst wissen, wer Du ihn ihm bist, oder wer Du in der Beziehung zu ihm bist. Es gibt nichts, was wichtiger ist als das.

In der letzten Zeit, und damit meine ich die letzten Monate, ertappe ich mich aber immer öfter, dass ich um Weisheit bete, das ein zu setzen, was ich weiß. Ich will immer noch etwas erkennen und sehne mich nach Offenbarung. Aber ich merke auch, dass ich vieles verstanden habe, was ich nicht einmal annähernd einsetze und wo ich es nicht hinbekomme, danach zu leben.
Horst Köhler sagte es mal so: „Wir haben kein Erkenntnisproblem, wir haben ein Umsetzungsproblem.“ Ganz genau, Herr Köhler! Mit anderen Worten: wir haben genug kapiert, aber uns fehlt die Weisheit es an zu wenden.
Das ist schon eine wichtige Erkenntnis, die nicht jeder hat. Man kann durchaus eines von beidem haben, ohne das jeweils andere zu haben. Man kann Erkenntnis ohne Weisheit haben und man kann weise sein, ohne Erkenntnis zu haben.

Zwei biblische Beispiele
Damit das nicht zu abstrakt ist, stelle ich mal zwei biblische „rolemodels“ vor, von denen der eine Erkenntnis ohne Weisheit hatte und der andere Weisheit ohne Erkenntnis. Die sollen aber nur der Illustration dienen und nicht dazu, sich tatsächlich an ihnen zu orientieren und ihnen nach zu eifern. Klar, oder?

Der erste ist König Nebukadnezar, der in Daniel 3,29 eine tolle Erkenntnis hatte, die er sehr gewöhnungsbedürftig umzusetzen gedachte:

Darum ordne ich an: Jeder, der vom Gott des Schadrach, Meschach und Abed-Nego verächtlich spricht, zu welcher Völkerschaft, Nation oder Sprache er auch gehört, soll in Stücke gerissen und sein Haus soll in einen Trümmerhaufen verwandelt werden. Denn es gibt keinen anderen Gott, der auf diese Weise retten kann.

Nebukadnezar hatte eben erst verstanden, dass Gott wirklich Gott ist und dass es keinen Gott wie ihn gibt. Vorher wollte er noch die drei Hebräer mit den schwierigen Namen töten lassen, weil sie einen anderen Gott nicht anbeten wollten. Das ist schon eine tolle Erkenntnis und ich bin fraglos froh, dass Nebukadnezar das verstanden hat. Aber ihm mangelte Weisheit, die Art, wie er mit seiner Erkenntnis umging ist definitiv unter aller Kanone.

Das andere Beispiel ist König Salomo von Israel, der bis heute für seine Weisheit bekannt ist. Auch heute noch spricht man von einem „wahrhaft salomonischen Urteil“, wenn ein Richter besonders weise Recht spricht. Salomo kam auf übernatürlichem Wege zu seiner Weisheit:

In jener Nacht erschien Gott dem Salomo und forderte ihn auf: Sprich eine Bitte aus, die ich dir gewähren soll.
8 Salomo antwortete Gott: Du hast meinem Vater David große Huld erwiesen und mich an seiner Stelle zum König gemacht.
9 So möge sich nun, mein Herr und Gott, dein Wort an meinen Vater David als wahr erweisen; denn du hast mich zum König gemacht über ein Volk, das zahlreich ist wie der Staub der Erde.
10 Verleih mir daher Weisheit und Einsicht, damit ich weiß, wie ich mich vor diesem Volk verhalten soll. Denn wer könnte sonst dieses mächtige Volk regieren?
11 Gott antwortete Salomo: Weil dir das am Herzen liegt, weil du nicht um Reichtum, Vermögen, Ehre oder um den Tod deiner Feinde, auch nicht um langes Leben gebeten hast, sondern weil du um Weisheit und Einsicht gebeten hast, um mein Volk zu regieren, zu dessen König ich dich bestellt habe,
12 sollen dir Weisheit und Einsicht zuteil werden. Aber auch Reichtum, Vermögen und Ehre will ich dir geben, wie sie kein König vor dir erlangt hat und auch nach dir keiner haben wird. (2.Chronik 1,7-12 nach der Einheitsübersetzung)

Gott gab Salomo also Weisheit als er ihn darum bat. Am Anfang hatte Salomo ganz klar auch eine Erkenntnis, die sehr entscheidend war, er wusste nämlich, dass er ohne Gottes Hilfe kein König sein konnte und diese göttliche Weisheit mehr als alles brauchte. Diese Erkenntnis kam ihm im weiteren Verlaufe seines Lebens immer mehr abhanden und trotz all seiner Weisheit und Einsicht war er kein guter König. Er war zwar bekannt für seine Fähigkeit zu denken und seine philosophischen Einsichten, aber er brachte dennoch das Land an den Rand des Ruins. Die Spaltung vollzog sich zwar erst unter seinem Sohn, aber Salomo bereitete den Anfang vom Ende vor.

Es ist also beides möglich: Weisheit ohne Erkenntnis und Erkenntnis ohne Weisheit. Beides ist nicht optimal, auch wenn beide natürlich einen Wert in sich haben, wird ihr volles Potential erst dann ausgeschöpft, wenn beide zusammen kommen.
Gerät und Gebrauchsanweisung
Ich möchte es noch einmal auf andere Weise illustrieren, wie Erkenntnis und Weisheit zusammen gehören. Erkenntnis ist wie ein tolles Elektrogerät, das man kauft oder geschenkt bekommt, das man aber zunächst nicht bedienen kann. Als ich meinen iPod gekauft habe war ich erst völlig enttäuscht. Ich habe ihn angemacht, alles klappte, aber ich konnte das Menü nicht bedienen. Ich klickte und machte und tat, aber es war nicht möglich, einen Interpreten aus zu wählen. Manchmal sprang das Menü an eine andere Stelle, aber ich kapierte nicht, wieso.
Ehrlich, ich hätte das Gerät fast wieder umgetauscht weil ich dachte, er wäre kaputt. Dann habe ich doch noch mal in der Gebrauchsanweisung nachgesehen, auch wenn man das als Mann nicht tut – Pech, bin ich halt kein Mann, dafür weiß ich jetzt, wie der iPod funzt. Mittlerweile weiß ich, wie es geht und der iPod leistet mir die Dienste für die ich ihn gekauft habe.

Im geistlichen ist es ebenso, nur ärgerlicher. Ich weiß Dinge über Gott, aber die Anwendung ist oft schwer. Ich weiß, dass Gott jedem Menschen das Beste will und ich weiß, dass ich berufen bin, ein Segen zu sein. Ein Segen zu sein ist theoretisch einfach, es bedeutet, anderen etwas Gutes zu tun, einen positiven Einfluss auf seine Umgebung zu haben. Aber wie geschieht das praktisch?
Noch interessanter finde ich es im Heilungsdienst, ich bin 120% sicher, dass Gott jeden Kranken heilen will, aber im konkreten Fall ist diese Erkenntnis oft schwer umsetzbar.
Deswegen bete ich viel mehr als früher, dass Jesus mir zur Erkenntnis seines Willens und Wesens auch die Weisheit gibt, die Erkenntnis zu leben. Beides will begehrt werden und beides muss zusammen kommen.

Wenn es jetzt praktisch werden soll, dann fällt mir auch nicht mehr als eben das ein: beten. Wer etwas von Gott empfangen will, der sollte beten. Vermutlich hat jeder Christ an beiden Seiten Mangel, aber Du wirst auch sehen, dass Dein Leben auf einer Seite besser entwickelt ist als auf der anderen. Dann bete doch einfach dafür, dass Gott die andere Seite stärkt. Wenn Dir Erkenntnis fehlt, bete um Erkenntnis. Ist es Weisheit, dann bete darum und sei bereit um zu setzen, was Du verstanden hast.

[hier noch eine Audiopredigt dazu]

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2 Kommentare

  1. Sehr schöner Beitrag! Danke

  2. Toller Beitrag! Ist mal wieder ein Thema welches mich auch beschäftigt. Bei mir ist es wohl eher die Weisheit die fehlt. Erkenntnis ja, aber an der Umsetzung haperts.

    Manchmal denke ich das gerade die Erkenntnis uns blockiert die Dinge einfach umzusetzen. Ist wie bei Studenten und normalen Arbeitern: Studenten wissen zwar vieles theoretisch, sind aber praktisch manchmal unbegabt. Bei den Arbeitern ist das umgekehrt?
    Was ist jetzt besser? Ich weiß nicht. Ich denke es braucht beides. Die Denker und die Praktiker. Oder am besten denkende Praktiker.

    Wobei ich manchmal denke wenn ich nicht soviel theoretisches Wissen hätte bzw. über manche Dinge weniger nachdenken würde sondern einfach handeln würde.

    Oder ist da nochmal ein Unterschied zwischen theoretischem Wissen und Erkenntnis?

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