07. Juli 2005 8

exegetische probleme

ACHTUNG: langer und harter post. nix für schwache nerven!
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Ich sitze schon fast den ganzen tag an einer auslegung eines meiner lieblingsprediger. es geht um markus 9,29 (par. matthäus 17,21): „Diese Art kann durch nichts ausfahren, außer durch Beten und Fasten.“ seiner auslegung nach spricht jesus nicht über verschiedene arten von dämonen sondern über verschiedene arten von unglauben (von denen er im folgenden drei arten identifiziert). das fusst er auf lukas 9,20: „Matthäus 17,20 Er aber spricht zu ihnen: Wegen eures Unglaubens; denn wahrlich, ich sage euch, wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, so werdet ihr zu diesem Berge sagen: Werde versetzt von hier dorthin! und er wird versetzt werden; und nichts wird euch unmöglich sein.“ (alte elberfelder)
und jetzt wird es richtig kompliziert:

1. die textgestalt ist hochgradig unklar:

1.1. unglaube oder kleinglaube?
mat 17,20 spricht nicht von unglauben (avpisti,an) sondern von kleinglauben (ovligopisti,an ). tatsächlich ist es schwer, eine deutsche übersetzung zu finden, die „unglaube“ übersetzt. seine king james sagt aber „unbelief“ und das ist für seine weiteren ausführungen wichtig. er unterscheidet „unglaube“ und „kleinglaube“ und sagt, dass es nicht ein problem von zu kleinem glauben war, dass die jünger den dämon nicht austreiben konnten, sondern von „unbelief“. im licht von mat. 17,20 (glaube wie ein senfkorn) scheint das auch sinn zu machen. nun gibt es lesarten wie den mehrheitstext, die avpisti,an unterstützen. nestle-aland (NA)erwähnt diese (C, D, L und W) nimmt sie aber nicht in den text auf. offenbar sind es fragmente aus dem 5.-6. jahrhundert. möglicherweise verwendet die kjv diese lesarten bei ihrer übersetzung. tatsache ist, dass es sonst die einzige stelle im nt wäre, an der die kjv ovligopisti,an mit „unbelief“ übersetzen würde.
daraus ergibt sich die erste frage: „kann man bei guter exegese eine these auf einer so unsicheren stelle aufbauen? schliesslich geht es hier um eine abgrenzung von ovligopisti,an und avpisti,an auf der ein ganzes lehrgebäude steht.“

1.2. es ist zweifelhaft, ob beide verse zusammenstehen.
markus 9 berichtet nichts über den unglauben. der steht nur in matthäus 17,20. matthäus 17,21 wiederum ist eine ungeklärt bibelstelle. also eine der ganz wenigen im nt, die nicht in allen übersetzungen stehen, weil nur sehr junge textzeugen sie drin haben. in der kjv steht sie, in den meisten deutschen nicht.
also ergibt sich ein weiteres problem: markus 9 sagt: „diese art fährt nur durch beten aus“, stellt aber keine stelle mit unglauben voran. da kann man dann schlecht rauslesen, dass jesus eine art von unglauben meint, die ausfahren soll. mattäus 17 spricht zwar vom unglauben, nicht aber von ausfahren.
frage: „darf man in diesem fall „synoptisch“ auslegen, die geschichten zusammen setzen und auslegen, dass eine aunglaubensart ausfahren soll?“
philologisch ist das zweifelhaft, aber wir glauben ja, dass die bibel gottes wort ist und so können sich stellen gegenseitig ergänzen und erklären. also wäre es unter umständen okay, so auszulegen. die auslegung wäre ja durch matthäus gestützt, wenn wir die zweifelhafte stelle reinnehmen.

1.3. fasten oder nicht?
markus 9,29 spricht definitiv vom beten. aber das fasten ist unsicher. NA hat es nicht drin, es fehlt in den codices vaticanus und sinaiticus. also wohl besser ohne „fasten“. dafür spricht auch, dass die jünger nach markus 2,18-22 offenbar nicht gefastet haben.

2. die worte
2.1. welche „art“ wer fährt denn nun aus?
ausfahren ist hier das schöne wort evxe,rcomai. das kann so ziemlich alles bedeuten, was mit rausgehen, verlassen, rausgeworfen werden usw, zu tun hat. unklar scheint zu sein, was raus muss. meine griechischkenntnisse versagen hier, aber fritz rienecker macht es in der „wuppertaler studienbibel“ klar, dass sich „diese art“ nicht zwingend auf die dämonen beziehen muss: „Offenbleiben muß bei diesem Wort auch, ob mit der „Art“, die ausfahren soll, die unheilvollen Dämonen gemeint sind oder die menschliche Art der Jünger, die sich ohnmächtig, glaubensschwach und glaubenslos zum Helfen unfähig erwiesen haben.“
das beruhigt, denn mir kam es immer recht metaphysisch vor, dämonen in arten und typen zu kategorisieren. meiner ansicht nach gibt es keine besonderen dämonen und wer sich gegen den namen jesu behaupten kann, den kann man auch nicht rausfasten… aber die art auf die art und weise der jünger zu beziehen finde ich auch sehr frei interpretiert. am besten gefällt es mir, das auf den unglauben zu beziehen, wenn man synoptisch exegetisieren darf.

2.2. wo ist der unterschied?
gibt es einen wesentlichen unterschied zwischen unglaube und kleinglaube? beides sind arten von pisti,a und als solche eng wesensverwandt. ich bin unsicher, ob man da solche unterschiede rauslesen kann.

meine fragen sind:
1. wenn im zweifel, welchen grundtext nehme ich? ich bevorzugte immer nestle-aland. aber warum entscheiden sich dann renommierte übersetzungen anders?
2. gibt es quellen, die offenlegen, warum sich übersetzer für oder gegen eine bestimmte lesart/übersetzungsmöglichkeit entscheiden?
3. ist es legitim, theologie auf „aussenseiterlesarten“ aufzubauen?
4. darf man „synoptisch“ auslegen?
5. wie sicher ist es, theologie auf dem verständnis eines bestimmten griechischen wortes aufzubauen?

bei allem finde ich die auslegung sehr gut. ich denke, dass es stimmt, dass der glaube der jünger gross genug ist und dass es letzten endes das problem war, dass sie ab einem bestimmten punkt mehr auf die umstände (epilleptischer anfall) als auf gott geschaut haben. ich denke auch, dass man dieses problem durch „hingabe“ in gebet und evtl. fasten in den griff bekommt. ich bin nur unsicher, ob die exegese exakt ist und der griechische text diese übersetzungsmöglichkeit zulässt.

bin für alle hinweise dankbar. wenn was unklar ist, schreibt einfach einen comment.

————-

CD im Player:
– jean sibelius: symphonie nr. 4

Bücher neben dem Sessel:
– kommentare und bibeln…

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8 Kommentare

  1. hmm.

    harte nuss.

    zu 1.)
    ich bevorzuge auch NA27.
    welche renommierten ÜS meinst du denn mit „abweichen“?
    KJV ist IMHO nicht maßgeblich, da der TR (Textus receptus) „veraltet“ ist, auch wenn gewisse Hardliner auf den TR schwören würden.. (KJV und verschiedene Derivate basieren auf TR und nicht auf NA27)
    Anmerkung zu TR: es gibt sowieso nicht DEN textus receptus.. da gibts total verschiedene Ausgaben davon, was so gut wie nie richtig gekennzeichnet wird.. ich blick da nicht durch.

    Deutsche BÜ bis 1912 haben meistens den TR zur Grundlage, erst nach 1912 ist man weitgehend auf NA umgeschwenkt (ausnahme z.B. Schlachter, Schlachter2000, rev.LÜ1912 von 1998)

    die Hoffnung für Alle gibt vor, NA27 zu verwenden, doch das haut nicht hin.
    die revidierte HfA hab ich mir noch nich genau angeschaut.. mein erster eindruck ist aber, dass etwas sauberer gearbeitet wurde.
    (beim AT folgt die HfA zudem oft der LXX statt dem masoret. Text)

    mein Umgang mit dem Grundtext ist so:
    ich halte mich an NA27.
    ich respektiere die mühevolle kleinarbeit der textwissenschaftler, die mit aufwändigen Verfahren den wahrscheinlichsten original-Text zu rekonstruieren versuchen.
    Ich freue mich immer wieder, wenn es zu einem Bibelvers keine textkrit. Anmerkungen gibt bzw. nur welche, die ohne belang sind (und das trifft ja auf die meisten stellen zu)
    wenn sich die Herausgeber von NA27 unsicher waren, setzen sie ja eh immer eckige Klammern.. das schau ich mir dann genauer an..

    bei kritischen stellen schau ich ebenfalls genauer hin.
    aber ich muss dann meistens respektieren, dass ich einfach weniger ahnung habe, als die leute, die NA27 herausgeben..

    NA27 ist übrigens weit verbreiteter Standard bei Bibelübersetzungen (auch bei den Wycliffe Bibelübersetzern),
    wenn man von exoten-Übersetzungen mal absieht..

    zu 2.)
    für NA27 gibts so was.. hab nur den Namen vergessen.. gibt irgend so ein ich glaub englisches Buch.. öhm „michael“ oder „Michaelis“… öhm.. der text des NT oder so.. irgendwie..
    jedenfalls weiß ich „da gabs doch was“..

    für BÜ gibts sowas eher selten.. manchmal gibts bemerkungen in den Fußnoten, wenn sich die ÜS unsicher sind (z.B. bei der GuNa)
    ein Tip:
    probier mal, per email bei den entsprechenden Bibelgesellschaften nachzufragen.. manche geben sehr freundliche Antworten und freuen sich, dass sich Leute mit deren ÜS beschäftigen..

    zu 3.)
    ..njjarggg.. dünnes eis, würde ich sagen.

    ich habe mir angewöhnt,
    dass ich sage „ich weiß es nicht“, wenn ich was nicht sicher weiß.
    ich bin ja nicht allwissend. und es muss auch nicht auf jede Frage eine zufriedenstellende antwort geben.
    da sag ich lieber „ist zwar schade, aber mir ist das ein zu unsicheres Fundament, um darauf zu bauen“.
    Dieb Bibel ist ja voll von ganz ganz sicheren und klaren aussagen.. da nehm ich lieber die… da hab ich ausreichend arbeit und material..

    außenseiterauslegungen sind aber auf jedenfall „interessant“.

    gegenfrage:
    kennst du „Thomas Schirrmacher. Paulus im Kampf gegen den Schleier“ (eine alternative Auslegung zu 1. Kor 11)?
    Hochinteressant..

    zu 4.)
    synpotisch auslegen?
    warum nicht..
    Mt/Mk/Lk (und manchmal Johannes) haben augenzeugenberichte aufgeschrieben.
    sie berichten oft aus verschiedenen Blickwinkeln.. und diese versch. Blickwinkel helfen dabei, ein besseres gesamtbild zu bekommen.

    Voraussetzung ist allerdings, dass es sich tatsächlich um das gleiche Ereignis handelt.. da kann man gut und gerne versuchen, zu „harmonisieren“

    das ist dann so, als wäre man ein KriPo-beamter, der aus verschiedenen zeugenaussagen versucht, das Ereignis zu rekonstruieren.

    nix zu harmonisieren gibts allerdings, wenns zwei versch. ereignisse waren.
    z.B. Speisung der 4000/Speisung der 5000 … das waren zwei versch. ereignisse… (trotzdem gibts theologen, die versuchen, das zusammenzubasteln)

    zu jener stelle.. das mit dem „und fasten“ wär mir zu unsicher.. das is vermutlich später ergänzt worden.

    zu 5.)
    unsicher.


    ich hoffe mein kommentar war hilfreich.

    schätze dich glücklich, falls du eine Uni-Bibliothek mit ner großen „theologie“-Abteilung hast.
    zugang zu guten kommentaren ist viel wert.
    Beispiel par excellence ist der Römerbriefkommentar von … mit, hab den namen vergessen.. irgend so ein englischer.. grünes hardcoverbuch, teuer..

  2. zu grundtext und variantenfragen: es gibt ein sehr gutes buch von bruce metzger dazu, welches als hilfe für professionelle übersetzer gedacht ist und die verschiedenen texte vergleicht und auswertet. geht über den apparat im NA hinaus und deswegen sehr hilfreich.
    „Textual Commentary on the Greek New Testament“, Bruce M. Metzger, ISBN 3438060108.

    Ansonsten würde ich, wenn eigene textkritische recherchen nicht wirklich einen grund dazu geben, nicht vom NA abweichen. wird dann einfach ne sehr subjektive geschichte.

    aber ansonsten ist dein ansatz doch sehr geil! wenn ich mal mehr zeit hab, dann check ich mal aus, was ich konkret dazu denke. :o)

    alles gute!

  3. Metzger.. ja. das wars..
    ich wusste noch, es fing mit M an.

    jener kommentar zum Römerbrief..
    Cranfield, c.e.b, the epistle to the romans,
    kommentarreihe ICC (international critical commentary),(2 bände) t&t clark, edinburgh, 1981
    ..kosten je 59,-
    ( http://ftabooks.de/index.htm?artnr=567050408
    http://ftabooks.de/index.htm?artnr=567050416 )

  4. ok, NICNT von Lane sagt über diesen text im mark nicht viel. es sieht so aus, als ob der allgemeine theologhische konsens durch alle lager hindurch die na bevorzugt. umstritten ist allerdings vom textkritischen standpunkt die addition von „und fasten“. darum dreht sich oft die disskussion.

    der KITTEL sagt dazu auch nichts weiter. nun ja, ist ja auch ein wörterbuch. allerdings meldet er bei dem wort klein/vs.unglauben an, dass es da keine qualitativen abstufungen gibt. entweder glauben oder nicht glauben. klein- und unglauben verwendet er synonym.

    mmhh, was soll man da sagen. die unterschiede von klein- und unglaube lassen sich im griechischen auch nicht mit nem abschreibfehler erklären, dafür sind die worte zu unterschiedlich.

  5. vielen dank für eure comments. ich hoffe, am samstag wieder etwas zeit zu haben, mich mit diesem thema zu beschäftigen.
    ich arbeite derzeit mit folgenden kommentaren mehr oder weniger regelmässig:
    AT/NT: NIBC (new international biblical commentary, leider ist er nicht vollständig erschienen)
    NT: william barclay, wuppertaler studienbibel und schlatter (uninteressant, liefert nur paraphrase)
    AT: das lebendige wort, teile aus ATD

    gibt es irgendeinen guten kommentar online?

  6. wuppStud:
    hmm.. meine erfahrungen damit waren:
    die dinge, die ich weiß, stehen da auch drin.
    die dinge, die ich nich weiß, und weswegen ich in einen Kommentar kuck, die stehen da auch nich drin..

    ich bevorzuge wissenschaftliche kommentare..
    habe aber keinen einzigen.
    den einzigen kommentar den ich hab,
    ist „kommentar zur Bibel“ RBrockhaus verlag..
    da steht das nötigste drin..

    kein geld halt..

    na ja..
    immerhin hab ich viel griechischzubehör..
    NA27, den preuschen, den Bauer, den Balz/schneider und den Kittel..
    wenn du also Fragen zu irgend nem Wort hast und ich grade zeit hab, kann ich ja ma nachkucken..

  7. ..nich anonym.. sondern micha/jf chemnitz.. der letzte Kommentar..

    muss mich wohl mal „registrieren“.. ma sehen.. ich heute.

  8. …doch heute..

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